(Ein Ausschnitt aus meinem aktuellen Schreib-Projekt)
Bill Hybels, Brian Houston, Carl Lenz, Shaun Bolz…die Liste der Namen von geistlichen Leitern, die in den letzten Jahren mit Skandalen und Fehlverhalten Schlagzeilen in der christlichen Medienlandschaft machten, werden immer mehr. So auch die Kommentare in den sozialen Medien. Die Stimmen derer, die ihre (ungefragte) Meinung dazu äußern möchten, die Forderungen von harten Konsequenzen und Aussagen wie “Christen sind alles Heuchler!” werden lauter. Der Aufstieg und der “Hype” über christliche Führungskräfte wird höher, der Fall bei Fehlverhalten umso tiefer.
Seit zehn Jahren leite ich, gemeinsam mit meinem Mann, eine Freikirche in Österreich und seit zehn Jahren wird meine Furcht davor, etwas falsch zu machen, das Ziel aus den Augen zu verlieren, oder einen Menschen ungewollt zu verletzten oder zu verstören größer, die Freude am Dienst weniger. Der Grund? Die Reaktion der Menschen bei Fehlern und das (Ver-)Urteilen von Christen.
Ich möchte direkt eins klarstellen: Viele Dinge, die gelaufen sind, sind verstörend und schlimm!
Menschen wurden verletzt, missbraucht und teils traumatisiert. Ich sage NICHT, dass Fehlverhalten in irgendeiner Weise zu rechtfertigen oder abzutun ist. Das gleich einmal vorweg.
Was ich aber mit Bauschmerzen beobachte ist, dass, sobald ein Politiker, ein geistlicher Leiter oder eine Person in einer Führungsposition einen Fehler macht, die (christliche) Welt sofort Konsequenzen wie Absetzungen, Rücktritt, Suspendierung etc. fordert und zusätzlich durch „Steinigung“ den Menschen daran hindert, einen Prozess der Buße und Wiederherstellung zu gehen.
Bevor eine Person umkehren kann und GOTT sein Urteil überhaupt sagen kann, haben Menschen schon dafür gesorgt, dass die Person kein Wort mehr sagen kann. Sie wird nicht mehr ernst genommen.
JA – in manchen Fällen ist es wichtig, dass eine Person (erstmal) aus dem Amt genommen wird, um vor weiteren Schäden zu schützen.
Nun wurden an mich aber auch Fragen gestellt wie: „Darf ich das Buch von diesem Pastor noch lesen?“ oder ich werde gefragt, ob Prophetien, die in der Vergangenheit von jemandem, der ein klares Fehlverhalten an den Tag gelegt hat, noch ernst genommen werden dürfen…
Solche Fragen treffen mich. ALLES wird in Frage gestellt. Alles, was aufgebaut wurde, wird niedergerissen mit dem Glauben, es im Sinne Gottes zu tun…Ist das so?
König David, Simon Petrus, Saulus von Tarsus…die Liste der Namen von geistlichen Leitern der Bibel, die vor einigen Tausend Jahren mit Skandalen und Fehlverhalten Schlagzeilen in der Bibel machten, werden immer mehr, je länger ich darüber nachdenke.
Hat nicht König David, trotz seines Reichtums und schöner Frauen um sich, eine verheiratete Frau heimlich beobachtet, während sie (vermutlich mit wenig Bekleidung) draußen in der Sonne lag? Dabei blieb es nicht. Er begehrte diese Frau. Er holte sie an den Hof und schlief mit ihr.
Einige Wochen (oder Monate?) später, meldete sich diese Frau (sie hieß übrigens Bathseba) bei ihm und sagte: “Ich bin übrigens schwanger! Von dir!”
Und wieder tat David etwas, was nicht in Ordnung war:
Er rief ihren Mann (Uria) aus dem Heer zurück und ermutigte ihn, mit seiner Frau zu schlafen. Er verkaufte es ihm als besondere Ehre und als “notwendig”, damit er vom Kriegstreiben abschalten konnte. Eigentlich wollte David dadurch aber verhindern, dass sein Ehebruch dadurch auffallen würde. Er wollte die Welt glauben lassen, dass Uria der eigentliche Vater des Kindes war. Und dann? Geht es noch weiter: Als Uria nicht nachhause gehen wollte, um mit seiner Frau zu schlafen, weil er sich in der Pflicht sah, gemeinsam mit seinem Heer zu kämpfen, ließ David ihn an die vorderste Front stellen, damit er getötet werden würde, und er freie Bahn bei Batseba hatte. Der große König David hat gestalked, die Ehe gebrochen, gelogen, manipuliert und sogar eine Tötung veranlasst. Hat er sofort Buße getan? Nein! Es musste erst ein Prophet kommen, der ihn auf seine Fehler hinwies. Ich persönlich bin überzeugt davon, dass es einige Zeit gedauert hatte, bis David seine Fehler erkannte, bekannte und Buße tat. Und ich bin überzeugt davon, dass einige Menschen am Hof von alle dem wussten.
Nun stell dir vor, Gott oder einflussreiche Menschen hätten daraufhin gesagt: “Alles, was David bisher getan, gesagt und aufgebaut hat, muss vernichtet werden! Lasst uns die Psalmen und Lieder verbrennen, die er geschrieben hat. Ihm ist nicht zu trauen. Er hat massive Fehler begangen und er DARF nicht mehr in einer Führungsposition sein! Wir berufen einen neuen König und alles, was David bisher gesagt und getan hat, muss ausgelöscht werden!” Das nennt man übrigens Cancel Culture…
Lasst uns einfach mal alle Geschichten und Psalmen von David aus der Bibel weg denken. Und dann machen wir weiter so:
Simon Petrus. Stell dir vor, an dem Tag, an dem er Jesus dreimal verleugnet hat, hätte man alles, was er bis dahin gesagt hätte, ausradiert. Alle Wunder, die er erlebt hat, hätte man aus den Erzählungen gelöscht und er hätte keine weitere Chance bekommen, seine Fehler einzusehen und Buße zu tun. Angenommen, Jesus hätte ihm niemals vergeben! Jesus wäre ihm nicht noch einmal begegnet, nach der Auferstehung. Er hätte alles, was er ihm zuvor zugesprochen hatte, wieder weggenommen, weil er nicht würdig war!
Es gäbe große Teile der Apostelgeschichte nicht. Es gäbe keine Wundererzählungen wie der Fischfang. Es gäbe keine Katholische Kirche…
Genauso bei Paulus! Denn Saulus hat Christen verfolgt. Er hat sie nicht nur einsperren und foltern, sondern sogar töten lassen. Liest man die ersten Briefe von ihm, erkennt man noch eine recht überhebliche Haltung. Erst später liest man ein sehr demütiges Herz aus seinen Worten heraus. Aber in manchen Briefen schreibt er doch tatsächlich Sätze wie “Ich wünschte, ihr könntet das alles so machen, wie ich es kann!” Also mal ehrlich: Die rebellische Desirée in mir würde sich ungern von jemandem wie IHN leiten lassen.
Du verstehst vielleicht, wo ich hin möchte:
Die Bibel ist voll von Menschen, die enttäuscht, gelogen, gemordet und gesündigt haben. Würden wir alles in Frage stellen, was sie zuvor getan und gesagt haben, es gäbe keine Bibel. Denn die Bibel – Gottes Geschichte mit den Menschen – ist ein Weg der Gnade, der Vergebung und der tausend Chancen von Gott mit den Menschen. WEIL Gott gnädig war, WEIL er mehr als zweite Chancen gab, weil er vergibt und weil Jesus es vorgelebt hat, ist die Geschichte Gottes mit den Menschen nicht zu ende.
Wer sind WIR, dass wir anklagen könnten?! Wer sind WIR, dass wir Verurteilung über die Liebe stellen, die wir alle doch nötig haben?
Sage ich damit, dass man alles durchgehen lassen muss? Dass es keine Konsequenzen geben darf? Nein, das meine und sage ich damit auf keinen Fall. Es braucht Aufarbeitung, es braucht Buße und Sühne. Es braucht Einsehen und Umkehr. Es braucht aber auch Vergebung und die Einsicht, dass NIEMAND ohne Schuld ist und dass wir ALLE Gnade nötig haben.
Es ist notwendig, Gottes Herz noch einmal aufzuzeigen und zu sehen!
Gott ist ein gerechter Gott. Keine Schuld ist vor ihm verborgen. Gott ruft dazu auf, Buße zu tun. Zu ihm umzukehren. Und wenn wir das tun, gilt Gnade vor Recht. Wenn wir das tun, gilt Liebe vor Hass.
Es ist ein schmaler Grat: Wir sollen geistliche Leiter in Verantwortung ehren – aber nicht vergöttern. Wir sollen uns unterordnen – aber nicht manipulieren lassen.
Geistliche Leiter sollen sich bemühen, ein vorbildliches Leben zu führen. Sie sollen nah an Gottes Herz sein und brauchen SEINE Gegenwart und Leitung, gleichzeitig sind aber auch sie in dieser Welt, die voll mit Ablenkung und Versuchungen ist.
Ich wünsche mir so sehr, dass der Leib Christi miteinander leidet – mit Opfern leidet, mit Tätern leidet, die gefallen sind. Ich wünsche mir, dass der Leib Christi sich als einen Leib erkennt – dessen Haupt Jesus Christus ist. Und ich wünsche mir, dass, wenn ein Glied am Leib verletzt ist, abstirbt oder fault, alles dafür getan wird, dass HEILUNG passiert und gefördert wird für ALLE Glieder – unabhängig der Funktion oder Wichtigkeit, anstatt immer mehr zu verstümmeln.
Wir als Kirche sollen einander in LIEBE ermahnen, gleichzeitig aber auch trösten und ermutigen.
Was mich derzeit bestürzt ist zu sehen, wie die Menschheit immer mehr darauf ausgerichtet ist, andere zu beurteilen, zu verurteilen und mundtot zu machen!
Die Erwartung, dass vor allem Menschen in bestimmten Positionen perfekt sein müssen, ist enorm. Alle anderen müssen perfekt sein. Niemand darf sich was zu schulden kommen lassen -außer man selbst.
Dadurch entsteht nicht nur ein Druck, es entsteht Misstrauen, Verachtung und Enttäuschung.
Ist es das, was Gott möchte? Ist es so, wie er handeln würde? Darf er noch selbst zu Wort kommen?
Wann ist die Kirche, wann sind wir, bereit zu vergeben und das zu leben, was wir predigen und selbst so dringend nötig haben: Vergebung, Gnade und Umkehr!
Ich bete für alle, die betroffen sind und ich bitte gleichzeitig um Gebet, um Gnade, um Vergebung.







