Puzzleteile

Puzzleteile

Vor zwei Wochen hatten mein Mann und ich an unserem freien Tag verschiedene Ideen, wie wir ihn gestalten könnten. Eine davon war: „Lass uns mal wieder ein großes Puzzle machen!“

Tatsächlich fand ich im Schrank einige 1000er Puzzle und wir entschieden uns, gemütlich damit zu beginnen. Eine alte Glasplatte wurde als Unterlage geholt, Platz wurde im Wohnzimmer geschaffen, damit wir loslegen konnten. Es dauerte nicht lange, da lehnte sich mein Mann im Sessel zurück und begann ein Buch zu lesen. Ich puzzelte allein weiter, bis mein Rücken von der Sitzhaltung weh tat. Eine Pause musste her.

Das Puzzle blieb liegen. Es war noch viiiiel zu tun.

Der nächste Tag war ein Sonntag. Ich war krank und musste zuhause bleiben. den Gottesdienst schaute ich deshalb online und puzzelte dabei weiter. Die nächsten Tage lag das halb fertige Werk im Wohnzimmer. Dieses wiederum wirkte ungemütlich und vollgestellt, weil diese große Aufgabe mit noch etwa 400 losen Puzzleteilen darauf wartete, endlich vervollständigt zu werden.

Mittlerweile waren 10 Tage vergangen. Mein Mann rührte kein Teil mehr an und war mit anderen Dingen und neuen Ideen beschäftigt. Und ich? War innerlich unruhig, weil ich es nicht übers Herz brachte, alles wieder weg zu packen, ohne das Bild vollständig vor mir liegen zu haben… also lag es weiter dort, wartete, machte mich nervös und regte mich irgendwie sogar auf:

„Wir“ wollten es GEMEINSAM machen!

„Wir“ wollten es GANZ fertig haben!

„Wir“ wollten die Zeit genießen.

Stattdessen lag dieses unfertige Puzzle da-als Symbol, als Metapher und als Lehrbuch:

Wie sooft war eine gemeinsame Vision da, die begonnen wurde aber nicht fertig wurde.

Wie so oft musste ich mir eingestehen, dass ich es nicht alleine schaffe.

Wie so oft musste ich lernen, Dinge nur dann zu beginnen, wenn ich mich darauf verlassen kann, dass die Ressourcen und Menpower da sind, um es auch bis zum Ende durchzuziehen.

Und wie so oft musste ich erkennen, dass meine Berechnung der Projektzeit auf Grundlagen beruhte, die nicht die selben Grundlagen meines Mannes waren. Vielleicht hatte er nicht einmal das Ziel, es fertig zu stellen. Vielleicht wollte er einfach Stück für Stück voran kommen und dann aufhören und es zur Seite legen, bis er wieder Zeit und Lust hat. Ihn hätte es nicht gestört. Aber mich… Ich bin also einfach davon ausgegangen, dass er das selbe Ziel hatte und deshalb seine Planung danach ausrichtet…

Heute habe ich eine Entscheidung getroffen. Ich weiß, dass mein Mann in der nächsten Zeit keine Zeit und Lust hat, weiter zu puzzeln und ich weiß, dass ich keine Zeit und Lust habe, es alleine zu tun. Es war (von mir) als gemeinsames Projekt geplant-die Ressourcen haben nicht gereicht. Statt Entspannung wurde Stress draus. Zumindest für mich!

Also habe ich entschieden und habe das Puzzle unfertig weggepackt.

Das Wohnzimmer ist wieder ordentlich, alles sieht danach aus, als hätte ich genug Zeit, um Ordnung zu schaffen und zu halten. Zumindest für den Moment!

Komme ich damit klar, dass das Puzzle nicht fertig wurde? Bedingt!

Bin ich enttäuscht? Auf jeden Fall!

Habe ich was gelernt? Oh ja!

Ich will wieder mehr für MICH schauen, was ich warum beginne und einplanen, es fertig zu stellen. Ich will lernen, einmal mehr zu prüfen, ob der andere die Dinge genau so sieht und die Pläne so aussehen wie meine. Tun sie das nicht, will ich vorher prüfen, ob ich die Unterschiede aushalte und ich mich darauf einlassen kann oder ob ich es gar nicht erst beginne, um nicht enttäuscht zu werden. In diesem Fall: kann ich es aushalten, wenn das Puzzle tagelang das Wohnzimmer blockiert? Kann ich warten bis der andere es dann wegpackt oder sollte ich vielleicht kommunizieren, WER es macht? Kann ich….

Ich kann niemandem einen Vorwurf machen-auch nicht meinem Mann, wenn ich von Dingen ausgehe, die nie besprochen wurden oder wenn ich mich an Dingen störe, die den anderen einfach nicht stören…

Ich will aber auch lernen, mir einzugestehen, wenn es eben NICHT klappt und dann schnellstmöglich wieder Ordnung herstellen. Nicht für den anderen-für MICH! Und irgendwann wird es sich dann auch nicht mal mehr ein bisschen nach „Versagen“ anfühlen, sondern wie ein weiterer Sieg gegen Frust und Stress:)

Einheit

Heute feiert Deutschland den „Tag der deutschen Einheit“.
Schon beim Schreiben dieses ersten Satzes ploppen in meinem Gehirn verschiedene Fragezeichen auf.
„Heute FEIERT Deutschland…“ ist das so?
Feiert das Land diesen Tag?
„Heute feiert Deutschland den ‚Tag der deutschen EINHEIT‘.“
Feiert das Land „Einheit“?
Können wir überhaupt noch feiern?
Sind wir als „Volk“ noch eine Einheit?

Ich erinnere mich an die Fußball WM 2006 – solche Bilder stelle ich mir vor, wenn ich an „feiern“ denke.
Einige Wochen Ausnahmezustand in Deutschland, alle trugen stolz Kleidung, Fake-Perrücken, Fingernägel oder Tattoos mit den Farben „Schwarz-Rot-Gold“. Man setzte sich dicht neben Fremde, jubelte laut, wenn ein Tor fiel, machte einen Auto-Korso durch die Stadt. Man trank gemeinsam ein Bier beim Public-Viewing und feierte auf der Fanmeile mit der deutschen National-Mannschaft – und das (das kann man sich ja kaum vorstellen), obwohl diese nur den Dritten Platz belegt haben und nicht einmal den Pokal nachhause brachten.
Wie sah das in diesem Jahr aus? Man schimpfte über den Trainer, über die Spieler und schrie nach einer Neubesetzung und nun schreien andere, dass die Mannschaft zu „bunt“ ist…?!
Natürlich kommen mir auch andere Bilder in Erinnerung. Bilder, auf denen Menschen tatsächlich das feierten,
was wir an diesem 3.Oktober eigentlich feiern: Die Wiedervereinigung eines Landes, das vor allem auf der Landkarte gespalten war.
Ich frage mich, ob unser Land heute, am 3.10.2026 vielleicht gespaltener ist, als es je war.
Nein, es gibt keine Mauer mehr. Es gibt keine DDR vs. BRD mehr. Es gibt keine äußere Spaltung mehr auf der Landkarte – aber es gibt eine vielleicht größere Spaltung mit Blick auf Politische Meinungen, Religion und Vision für das Land.
Und es gibt eine Spaltung im Umgang mit genau diesen Punkten.
Die einen wollen geschlossene Grenzen, die anderen wollen gar keine.
Die einen wollen Offenheit für alles und jeden, die anderen wollen Sicherheit innerhalb von Grenzen, die klarer gesetzt werden. Die einen wollen die anderen Mundtot machen, die anderen wollen umso lauter Brüllen und hören gar nicht mehr zu…
Die einen wollen fremde Fahnen und Flaggen hissen, eine eigene Kultur und am liebsten einen eigenen Staat im Staat gründen – die anderen wollen alles verbieten, was „anders“ ist.
Die einen beschimpfen die, die sich nach der klaren Identität einer Nation sehnen, als „Nazis“, die anderen beschimpfen die, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, und die wegen anderer Hautfarbe auffallen als „Ausländer“…
(Übrigens: Ist es nicht interessant, dass dieser Begriff negativ belastet ist, ja schon fast als Beschimpfung gilt – obwohl es vom Wort selbst einfach nur den Fakt beschreibt, dass eine Person aus einem anderen Land – dem AUSland stammt?)
Und dazwischen sind die, die gar nichts mehr dazu sagen wollen, weil sie müde vom Diskutieren und Rechtfertigen sind und die nur noch schweigen, weil sie das alles nicht mehr aushalten.
Wie sieht sie aus – die „Deutsche Einheit“?
Die Mauer ist verschwunden, dafür reißen die Gräben nach unten immer weiter auf.

Ich habe mich gestern gefragt, wie die Welt und unser Land aussehen könnten, wenn wir alle wirkliche Einheit leben würden.
Wenn wir in der Unterschiedlichkeit trotzdem einig wären. Nicht in allem, aber doch in wesentlichen Punkten.
Einig darin, dass es ein Wunder und Gnade war, dass sich Frankreich, England und die USA einig waren, die BRD nicht weiter aufzuteilen oder sie ganz ihren eigenen Ländern anzuschließen? Stell es dir vor!
Einig darin, dass es durch die Berlin-Blockade der Sowjets und die Reaktion der USA, Frankreich und Großbritannien nicht zu einem nächsten Weltkrieg kam, sondern die Panzer sich zurückzogen?
Einig darin, dass es ein Wunder und Gnade war, dass die DDR ohne „Bloody Sunday“ dafür durch friedliche Demonstrationen endete und Menschen wieder über die Grenze durften, wenn und wann sie es wollten?
Einig darin, dass es ein Wunder und Gnade ist, dass wir demokratisch wählen dürfen?
…
Es gibt noch so viel mehr Punkte.
Aber wie würde die Einheit aussehen, wenn wir wieder mehr Dankbarkeit an den Tag legen würden?
Und wenn wir bei uns selbst beginnen würden?
Wenn wir ruhig bleiben würden bei Diskussionen? Wenn wir andere Meinungen stehen lassen würden und auf gute Weise diskutieren könnten – eben andere Sichtweisen in Betracht zu ziehen und eigene Argumente zu hinterfragen?
Wenn wir aus bestem Wissen und Gewissen und mit Gottesfurcht wählen würden und auch unsere Verantwortungen mit Gottesfurcht wieder wahrnehmen würden?
Wie würde Deutschland aussehen, wenn wir wieder mehr ermutigen und konstruktiv an Lösungen arbeiten würden?
Wenn wir uns darin einig wären, was wir uns für dieses Land- und für uns selbst wünschen würden?
Wo ist die Einheit?

Ich kombiniere den heutigen Tag mit einem anderen „Besinnungs-„Tag. Nämlich mit Buß- und Bettag.
Ich tue Buße, wo ich andere Meinungen nicht stehen lassen konnte.
Ich tut Buße dafür, dass ich mich so oft über politische Entscheidungen oder Politiker aufgeregt habe, dass ich sogar vor einigen Jahren noch Satire-Sendungen angeschaut und mich über Politiker lustig gemacht habe – anstatt sie zu segnen und für sie zu beten!
Ich bete, dass wir wieder Gottesfurcht lernen und Gott uns gnädig ist.
Ich feiere und bin dankbar, dass ich in einem Land leben darf, dem es so viel besser geht, als den meisten Ländern,
dass ich in einem Land leben darf, in dem ich mitbestimmen darf und mitgestalten darf.
Ich feiere und bin dankbar, dass wir so lange Frieden hatten.
Und ich bete, dass wir wieder tiefen Frieden erleben dürfen – der bei uns persönlich beginnt.
Damit wir ruhig, besonnen, liebevoll, gnädig, vor allem aber GOTTESFÜRCHTIG miteinander umgehen.
Ich bete, dass wir diesen Tag der deutschen Einheit erleben!

„Die geheime Mission“

„Die geheime Mission“

Titel: Die geheime Mission
Autor: Titus Müller
Verlag: Heyne Verlag

Dass dies der 12. (und sicherlich nicht der letzte) Roman von Titus Müller ist, den ich gelesen habe, spricht für sich.
In “Die geheime Mission” geht es nicht nur um eine junge Frau, die im aufgeteilten Berlin der Nachkriegszeit lebt und für ihre Überzeugungen einsteht.
Es geht nicht nur um politische Intrigen zwischen Ost- und West.
Es steckt mehr in diesen Seiten als die Herausforderung der West-Alliierten, 2 Millionen Berliner während der Blockade aus der Luft zu versorgen – und das über Monate.
In- und zwischen den Zeilen nimmt Titus Müller die Leserschaft mit in Argumentationen und Diskussionen der verschiedenen politischen Überzeugungen.
Er beleuchtet die unterschiedlichen Argumente, die sich die Roman-Figuren liefern und ermöglicht es dem Leser, sich ein eigenes Bild zu machen, gleichzeitig aber auch die Gründe für andere Überzeugen nachvollziehen zu können.
Ich fühlte mich hinein in die Nöte der Menschen, die Fragen der damaligen Zeit und der Enttäuschungen. Wie immer hat Titus Müller reale Figuren und Begebenheiten in die Geschichte eingeflochten- Jedoch ist mir dieses Mal stärker denn je aufgefallen, wie viele unterschiedliche Sichtweisen und Überzeugungen er durch die verschiedenen Figuren- auch wenn sie noch so kurz vorkommen, wie die beiden Piloten der Luftbrücke – hat einfließen lassen. Für mich ist es wie immer nicht nur ein Lesegenuss mit Spannung, sondern vor allem eine Weiterbildung und Auffrischung in Geschichte, verbunden mit der Möglichkeit zur Reflektion über eigene Sichtweisen. Große Empfehlung!

Der EINZIGE Kritikpunkt: Titel und Coverbild ähneln sehr stark der Trilogie von „Die fremde Spionin“. Auch diese Roman-Reihe empfehle ich sehr. Trotzdem ist es dadurch leicht möglich, die Bücher zu verwechseln und sogar zu denken, man habe „die geheime Mission“ schon gelesen. So ist es zumindest einer mir bekannten Person ergangen als ich den aktuellen Roman empfohlen hatte. Es wäre sehr schade, wenn Leser es dadurch versäumen würden, „Die geheime Mission“ zu lesen.

Die Titel der Triloge:
1. Die fremde Spionen
2. Das zweite Geheimnis
3. Der letzte Auftrag

Gesunde Grenzen und die eigentliche Bedeutung

Gesunde Grenzen und die eigentliche Bedeutung

„Freundlich“ muss nicht gleich freundschaftlich sein!

„Vergebung“ muss nicht gleich „Versöhnung“ sein. 

Eine „Begrüßung“ muss nicht gleich eine  Unterhaltung sein. 

Eine offene Tür muss nicht gleich ein Einzug sein.

Grenzen müssen nicht bedeuten, dass man diese nur durch einen Angriff oder mit Gewalt überwinden kann.

Grenzen bieten die Möglichkeit, sich zurück zu ziehen und zu schützen, aber gleichzeitig durch das bewusste Öffnen und Schließen der Zugbrücke einer Person das Privileg zu gestatten, einen privaten Raum zu betreten. Ganz ohne Gewalt, einfach weil man eingeladen wurde.

Wenn jemand die Existenz deiner gesunden Grenzen als Angriff sieht und sich verletzt fühlt- wenn er aufgrunddessen versucht, diese Grenzen zu ignorieren und mit Gewalt oder durch Manipulation zu überwinden, ist es ein Zeichen dafür, dass es richtig und gut ist, die Zugbrücke vorerst wieder zu schließen!

Verschließe dich nicht, aber baue deine gesunden Grenzen so, dass DU mit freiem und liebenden Herzen für andere und für dich, entscheiden kannst, wann und für wen du sie öffnest und wann und für wen du sie aus Vorsicht schließt! 

Behalte ein reines Herz, stehe für dich und dein Herz ein und lass dich nicht bedrängen oder unter Druck setzen, wenn jemand damit nicht klar kommt!

Meine ich damit, dass du dich ewig verschanzen sollst oder Besucher, die um Einlass bitten, mit Kanonen und Gewalt feenhaften sollst??? NEIN!

Ich meine damit: wahre deine GESUNDEN Grenzen, damit du geschützt und unbehelligt heilen, verarbeiten und leben kannst. Mit den Menschen, die du einlässt. Damit du irgendwann die Zugbrücke auch für die (zumindest einen Spalt oder für eine kurze Zeit) öffnen kannst, die dich verraten, enttäuscht oder verletzt haben oder dich sogar als Feind gesehen und angegriffen haben.

Diese Grenzen können zum Beispiel bedeuten:

  • Freundlich „Hallo“ sagen, und weiter gehen!
  • Zuhören, aber nicht zu viel von sich erzählen.
  • Für eine Person im Gebet einstehen, sich aber nicht praktisch zu tief hineinzugeben.
  • zu vergeben und die Wunden und den Schmerz mit Gott zu bearbeiten, ohne Kontakt mit der anderen Person aufzubauen.
  • Sich Zeit zu nehmen und mit Bedacht zu antworten, anstatt sofort so zu reagieren, wie sich die andere Person das erhofft.

Definiere!

Definiere die Handlungen.

Definiere die Grenzen.

Definiere die Öffnungszeiten und Ruhezeiten!

„Von Pessach bis Chanukka“ oder „Wenn dir nicht nur ein Licht – sondern ein ganzer Kronleuchter bzw ‚eine Menorah’ aufgeht!“

„Von Pessach bis Chanukka“ oder „Wenn dir nicht nur ein Licht – sondern ein ganzer Kronleuchter bzw ‚eine Menorah’ aufgeht!“

Als ich vor einigen Wochen zum ersten Mal den Titel las und einen kurzen Überblick darüber bekam, worum es in dem Buch geht, wusste ich: DAS muss in mein Bücherregal.
Warum?
Zugegeben: Mein erster Gedanke war: „Das ist sehr hilfreich für meine Predigten!“
Der zweite Gedanke war: „Ich will was Neues lernen!“
Beide Gedanken haben sich bestätigt.
Worum geht es? Der messianische Jude Anatoli Uschomirski erklärt verschiedene Biblische Feste. Er erklärt die Traditionen, er erklärt die Geschichte dahinter und vor allem erklärt er den Zusammenhang dieser Feste zwischen dem Alten Testament (dem „alten Bund“) und dem Neuen Testament bzw. dem neuen Bund.
Mir war zwar bewusst, dass das Alte Testament auf Jesus hinweist, dass die Propheten auf den Messias hinweisen und auch, dass manche Feste, die Gott seinem Volk damals aufgetragen hatte, eine tiefe Bedeutung hatten. Mir war jedoch nicht klar, wieviel Symbolik und wie viele Parallelen zu christlichen Festen bzw. zu Ereignissen des Neuen Testaments tatsächlich existieren.
Ich liebe Theologie und ich liebe es, wenn mir beim Lesen ein „Licht aufgeht!“.

Dieses Buch ist nicht nur eine Bereicherung, sondern ein Augenöffner. Was mich am meisten beeindruckt hat war, dass einmal mehr verständlich wurde, dass Juden sich zutiefst mit der Geschichte des Volkes identifizieren. Einzelne Gebete und Ausschnitte aus dem Talmud haben mich tief bewegt und mein Gottesbild und das Verständnis von theologischen Zusammenhängen belebt.

Uschomirksi schreibt zu Beginn „Die Wiederentdeckung der biblischen Feste kann Christen zur Wurzel ihres Glaubens führen.“ Wenige Sätze später schreibt er „Ich hoffe, dass Sie davon genauso profitieren werden wie ich.“

Ich persönlich kann nach dem Lesen dieses Buches sagen: Seine Hoffnung wurde erfüllt. Ich freue mich jetzt schon, nach dem ersten Lesen, einzelne Feste noch einmal genauer zu vertiefen und die nächsten biblischen Feste, die auch wir Christen feiern, mit neuen Augen und neuem Herzen zu feiern.

Wer es, wie ich, liebt, tiefer zu gehen und eine Sichtweise zu erweitern, ist mit diesem Buch mehr als gut bedient!!!

„Das Glück hat kleine Schokofinger“ oder „Wunder ‚Kind'“

„Das Glück hat kleine Schokofinger“ oder „Wunder ‚Kind'“

Ich bin seit einigen Jahren Mutter. Die Kleinkindphase ist vorbei und somit auch die Alltags-Situationen, in denen man Schmunzeln oder sogar laut los lachen muss, weil man von manchen Antworten oder auch Fragen des Kindes überrascht wird.
Ich bin dankbar, dass mein Kind immer noch unsere Nähe und unseren Rat sucht, fast täglich noch kuscheln möchte und wir scheinbar noch nicht ganz so peinlich sind. Manchmal verzieht sich mein Gesicht, wenn ich alte Fotos anschaue und meine Dankbarkeit wird zu einer wehmütigen Dankbarkeit. Einer „Aber-Dankbarkeit“. Ich bin dankbar, dass ich immer noch ein Kind Zuhause habe und es so selbstständig wird – ABER es war sooo süß damals. Ich bin dankbar, dass ich nicht mehr jede Minute Aufsicht halten muss – ABER jetzt braucht mein Kind mich ja fast gar nicht mehr…
So geht es mir- und meinem Mann auch. Das nehme ich zumindest an und mache es an seinem ebenfalls verzogenen Gesicht und seiner Stimme fest, die plötzlich wie eine kleine Maus klingt, wenn er sich Fotos aus der Baby- und Kleinkindphase anschaut.

Schaue ich mich um – in unserem Bekanntenkreis oder auch in Alltags-Situationen, habe ich aber oft den Eindruck, dass es immer wieder Eltern (vor allem Väter) gibt, die auf mich genervt von ihren Kindern wirken. Egal, ob es darum geht, ein WM Spiel als Familie zu schauen oder einfach Zuhause etwas zu werkeln. Der Ton wirkt genervt, Eltern sind oft mit sich selbst beschäftigt. Man verliert schnell den Blick für das Wunder, den Zauber der Entwicklung eines Kindes. Ist es anstrengend? JA! Kostet es Kraft? JA? Lässt es einen manchmal (ver)zweifeln? JA. Und ist es oftmals ein Spiegel, an dem man seine eigenen Macken und Denkweisen erkennt? JA!
ABER: Ist es vielleicht auch eine Möglichkeit, sein eigenes Lebens- und Glaubenskonstrukt mal zu hinterfragen? Die Beziehung zu den eigenen Eltern anzuschauen? Ist es eine Möglichkeit zu erkennen, wie wunderbar Gott sich das alles ausgedacht hat bei der Schöpfung? Dass da ein Bestreben des Kindes da ist, zu wachsen, selbstständig zu werden, aufzustehen und gleichzeitig doch immer der Blick nach oben ist? Mit der Frage in den Augen „Bist du da, wenn ich es nicht schaffe? Hilfst du mir dann?“
Ich finde es faszinierend zu merken, wie schnell man das Wunder „Kind“ aus den Augen verliert, weil man auf den Alltag, die To-Dos und die Anstrengungen fokussiert ist.

Ich habe gerade ein Buch von einem meiner Lieblingsautoren gelesen: „Das Glück hat kleine Schokofinger“ von Titus Müller.
Es ist eine erweiterte Neufassung. Ich hatte es vor einigen Jahren bereits gelesen, für gut empfunden und dann an eine Mutter verschenkt. Nun also habe ich es wieder in die Hand genommen und mit neuen Augen gelesen.
Titus Müller beschreibt seine Lebenswelt als Autor und frischer Papa – vom ersten Ultraschall des ersten Kindes bis in die Kleinkindphase hinein. Lustige Dialoge und Alltags-Situationen werden beschrieben – ehrlich, authentisch und humorvoll. Dabei kam ich immer wieder ins Nachdenken. Er schafft es, den Fokus einmal auf die Kleinen Menschen und die kleinen Dinge des Alltags zu lenken und mit neuen Augen zu sehen. Und wieder fragte ich mich: „Ist es nicht faszinierend, die kleine Kinder denken?! Ist es nicht wundervoll, wie sie die Welt sehen? Und wie einfach manche Dinge doch sind, wenn wir sie mit Kinderaugen sehen?!“
Auch wenn manche Textabschnitte irgendwie scheinen, als ob sie willkürlich hineingesetzt wurden, weil mir persönlich ein Zusammenhang fehlt – es lohnt sich, ab und zu mal hineinzusehen und so eine kleine Justierung der eigenen Antennen vorzunehmen. Vielleicht hilft es, in allem Trubel, zu erkennen, dass dieser Tag, dieser Dialog, dieser Austausch mit dem eigenen Kind einzigartig ist und nie wieder kommen wird. Vielleicht hilft es zu erkennen, dass Gott selbst sich so sehr wünscht, dass wir wie die Kinder werden und seine Nähe suchen, wie ein Kind die Nähe der Eltern sucht. Er ist der Vater, der nicht genervt ist oder zu beschäftigt, er ist die Mutter, die nie müde wird oder sich selbst verliert. Er ist da. Er sieht uns an mit liebevollem Blick und freut sich an uns. Für ihn sind wir die, mit den kleinen Schokofingern, die manchmal lustige Dinge von sich geben.
Und ich möchte für mein Kind – egal in welchem Alter – die Mutter sein, die Zeit hat, dich liebevoll kommuniziert, wenn es gerade mal nicht passt – und dann fokussiert und mit weitem Herzen Gespräche mit dem Kind führt, auflacht, wenn etwas Lustiges gesagt wird und einfach begeistert ist von dem Wunder „Kind“, das ich erziehen und aufwachsen sehen darf.


Mein Buchtipp:
Das Glück hat kleine Schokofinger
Titus Müller
Edition Chrismon Verlag

Das Flehen um Vergebung und Buße

(Ein Ausschnitt aus meinem aktuellen Schreib-Projekt)


Bill Hybels, Brian Houston, Carl Lenz, Shaun Bolz…die Liste der Namen von geistlichen Leitern, die in den letzten Jahren mit Skandalen und Fehlverhalten Schlagzeilen in der christlichen Medienlandschaft machten, werden immer mehr. So auch die Kommentare in den sozialen Medien. Die Stimmen derer, die ihre (ungefragte) Meinung dazu äußern möchten, die Forderungen von harten Konsequenzen und Aussagen wie “Christen sind alles Heuchler!” werden lauter. Der Aufstieg und der “Hype” über christliche Führungskräfte wird höher, der Fall bei Fehlverhalten umso tiefer.
Seit zehn Jahren leite ich, gemeinsam mit meinem Mann, eine Freikirche in Österreich und seit zehn Jahren wird meine Furcht davor, etwas falsch zu machen, das Ziel aus den Augen zu verlieren, oder einen Menschen ungewollt zu verletzten oder zu verstören größer, die Freude am Dienst weniger. Der Grund? Die Reaktion der Menschen bei Fehlern und das (Ver-)Urteilen von Christen.

Ich möchte direkt eins klarstellen: Viele Dinge, die gelaufen sind, sind verstörend und schlimm!
Menschen wurden verletzt, missbraucht und teils traumatisiert. Ich sage NICHT, dass Fehlverhalten in irgendeiner Weise zu rechtfertigen oder abzutun ist. Das gleich einmal vorweg.
Was ich aber mit Bauschmerzen beobachte ist, dass, sobald ein Politiker, ein geistlicher Leiter oder eine Person in einer Führungsposition einen Fehler macht, die (christliche) Welt sofort Konsequenzen wie Absetzungen, Rücktritt, Suspendierung etc. fordert und zusätzlich durch „Steinigung“ den Menschen daran hindert, einen Prozess der Buße und Wiederherstellung zu gehen.
Bevor eine Person umkehren kann und GOTT sein Urteil überhaupt sagen kann, haben Menschen schon dafür gesorgt, dass die Person kein Wort mehr sagen kann. Sie wird nicht mehr ernst genommen.
JA – in manchen Fällen ist es wichtig, dass eine Person (erstmal) aus dem Amt genommen wird, um vor weiteren Schäden zu schützen.
Nun wurden an mich aber auch Fragen gestellt wie: „Darf ich das Buch von diesem Pastor noch lesen?“ oder ich werde gefragt, ob Prophetien, die in der Vergangenheit von jemandem, der ein klares Fehlverhalten an den Tag gelegt hat, noch ernst genommen werden dürfen…
Solche Fragen treffen mich. ALLES wird in Frage gestellt. Alles, was aufgebaut wurde, wird niedergerissen mit dem Glauben, es im Sinne Gottes zu tun…Ist das so?

König David, Simon Petrus, Saulus von Tarsus…die Liste der Namen von geistlichen Leitern der Bibel, die vor einigen Tausend Jahren mit Skandalen und Fehlverhalten Schlagzeilen in der Bibel machten, werden immer mehr, je länger ich darüber nachdenke.
Hat nicht König David, trotz seines Reichtums und schöner Frauen um sich, eine verheiratete Frau heimlich beobachtet, während sie (vermutlich mit wenig Bekleidung) draußen in der Sonne lag? Dabei blieb es nicht. Er begehrte diese Frau. Er holte sie an den Hof und schlief mit ihr.
Einige Wochen (oder Monate?) später, meldete sich diese Frau (sie hieß übrigens Bathseba) bei ihm und sagte: “Ich bin übrigens schwanger! Von dir!”
Und wieder tat David etwas, was nicht in Ordnung war:
Er rief ihren Mann (Uria) aus dem Heer zurück und ermutigte ihn, mit seiner Frau zu schlafen. Er verkaufte es ihm als besondere Ehre und als “notwendig”, damit er vom Kriegstreiben abschalten konnte. Eigentlich wollte David dadurch aber verhindern, dass sein Ehebruch dadurch auffallen würde. Er wollte die Welt glauben lassen, dass Uria der eigentliche Vater des Kindes war. Und dann? Geht es noch weiter: Als Uria nicht nachhause gehen wollte, um mit seiner Frau zu schlafen, weil er sich in der Pflicht sah, gemeinsam mit seinem Heer zu kämpfen, ließ David ihn an die vorderste Front stellen, damit er getötet werden würde, und er freie Bahn bei Batseba hatte. Der große König David hat gestalked, die Ehe gebrochen, gelogen, manipuliert und sogar eine Tötung veranlasst. Hat er sofort Buße getan? Nein! Es musste erst ein Prophet kommen, der ihn auf seine Fehler hinwies. Ich persönlich bin überzeugt davon, dass es einige Zeit gedauert hatte, bis David seine Fehler erkannte, bekannte und Buße tat. Und ich bin überzeugt davon, dass einige Menschen am Hof von alle dem wussten.

Nun stell dir vor, Gott oder einflussreiche Menschen hätten daraufhin gesagt: “Alles, was David bisher getan, gesagt und aufgebaut hat, muss vernichtet werden! Lasst uns die Psalmen und Lieder verbrennen, die er geschrieben hat. Ihm ist nicht zu trauen. Er hat massive Fehler begangen und er DARF nicht mehr in einer Führungsposition sein! Wir berufen einen neuen König und alles, was David bisher gesagt und getan hat, muss ausgelöscht werden!” Das nennt man übrigens Cancel Culture…
Lasst uns einfach mal alle Geschichten und Psalmen von David aus der Bibel weg denken. Und dann machen wir weiter so:
Simon Petrus. Stell dir vor, an dem Tag, an dem er Jesus dreimal verleugnet hat, hätte man alles, was er bis dahin gesagt hätte, ausradiert. Alle Wunder, die er erlebt hat, hätte man aus den Erzählungen gelöscht und er hätte keine weitere Chance bekommen, seine Fehler einzusehen und Buße zu tun. Angenommen, Jesus hätte ihm niemals vergeben! Jesus wäre ihm nicht noch einmal begegnet, nach der Auferstehung. Er hätte alles, was er ihm zuvor zugesprochen hatte, wieder weggenommen, weil er nicht würdig war!
Es gäbe große Teile der Apostelgeschichte nicht. Es gäbe keine Wundererzählungen wie der Fischfang. Es gäbe keine Katholische Kirche…
Genauso bei Paulus! Denn Saulus hat Christen verfolgt. Er hat sie nicht nur einsperren und foltern, sondern sogar töten lassen. Liest man die ersten Briefe von ihm, erkennt man noch eine recht überhebliche Haltung. Erst später liest man ein sehr demütiges Herz aus seinen Worten heraus. Aber in manchen Briefen schreibt er doch tatsächlich Sätze wie “Ich wünschte, ihr könntet das alles so machen, wie ich es kann!” Also mal ehrlich: Die rebellische Desirée in mir würde sich ungern von jemandem wie IHN leiten lassen.

Du verstehst vielleicht, wo ich hin möchte:
Die Bibel ist voll von Menschen, die enttäuscht, gelogen, gemordet und gesündigt haben. Würden wir alles in Frage stellen, was sie zuvor getan und gesagt haben, es gäbe keine Bibel. Denn die Bibel – Gottes Geschichte mit den Menschen – ist ein Weg der Gnade, der Vergebung und der tausend Chancen von Gott mit den Menschen. WEIL Gott gnädig war, WEIL er mehr als zweite Chancen gab, weil er vergibt und weil Jesus es vorgelebt hat, ist die Geschichte Gottes mit den Menschen nicht zu ende.
Wer sind WIR, dass wir anklagen könnten?! Wer sind WIR, dass wir Verurteilung über die Liebe stellen, die wir alle doch nötig haben?
Sage ich damit, dass man alles durchgehen lassen muss? Dass es keine Konsequenzen geben darf? Nein, das meine und sage ich damit auf keinen Fall. Es braucht Aufarbeitung, es braucht Buße und Sühne. Es braucht Einsehen und Umkehr. Es braucht aber auch Vergebung und die Einsicht, dass NIEMAND ohne Schuld ist und dass wir ALLE Gnade nötig haben.

Es ist notwendig, Gottes Herz noch einmal aufzuzeigen und zu sehen!
Gott ist ein gerechter Gott. Keine Schuld ist vor ihm verborgen. Gott ruft dazu auf, Buße zu tun. Zu ihm umzukehren. Und wenn wir das tun, gilt Gnade vor Recht. Wenn wir das tun, gilt Liebe vor Hass.

Es ist ein schmaler Grat: Wir sollen geistliche Leiter in Verantwortung ehren – aber nicht vergöttern. Wir sollen uns unterordnen – aber nicht manipulieren lassen.
Geistliche Leiter sollen sich bemühen, ein vorbildliches Leben zu führen. Sie sollen nah an Gottes Herz sein und brauchen SEINE Gegenwart und Leitung, gleichzeitig sind aber auch sie in dieser Welt, die voll mit Ablenkung und Versuchungen ist.
Ich wünsche mir so sehr, dass der Leib Christi miteinander leidet – mit Opfern leidet, mit Tätern leidet, die gefallen sind. Ich wünsche mir, dass der Leib Christi sich als einen Leib erkennt – dessen Haupt Jesus Christus ist. Und ich wünsche mir, dass, wenn ein Glied am Leib verletzt ist, abstirbt oder fault, alles dafür getan wird, dass HEILUNG passiert und gefördert wird für ALLE Glieder – unabhängig der Funktion oder Wichtigkeit, anstatt immer mehr zu verstümmeln.

Wir als Kirche sollen einander in LIEBE ermahnen, gleichzeitig aber auch trösten und ermutigen.
Was mich derzeit bestürzt ist zu sehen, wie die Menschheit immer mehr darauf ausgerichtet ist, andere zu beurteilen, zu verurteilen und mundtot zu machen!
Die Erwartung, dass vor allem Menschen in bestimmten Positionen perfekt sein müssen, ist enorm. Alle anderen müssen perfekt sein. Niemand darf sich was zu schulden kommen lassen -außer man selbst.
Dadurch entsteht nicht nur ein Druck, es entsteht Misstrauen, Verachtung und Enttäuschung.
Ist es das, was Gott möchte? Ist es so, wie er handeln würde? Darf er noch selbst zu Wort kommen?

Wann ist die Kirche, wann sind wir, bereit zu vergeben und das zu leben, was wir predigen und selbst so dringend nötig haben: Vergebung, Gnade und Umkehr!
Ich bete für alle, die betroffen sind und ich bitte gleichzeitig um Gebet, um Gnade, um Vergebung.

Buchrezension „Hirtenzeit“

Buchrezension „Hirtenzeit“

Titel: „Hirtenzeit“
Autor: Daniel Zindel
Verlag: R.Brockhaus

„Liebe Leserin, lieber Leser, ich möchte sie morgen auf eine Bergtour mitnehmen.“ So beginnt die „Hirtenzeit“ von Daniel Zindel. Zu Beginn bereitet er die Leserschaft vor, in dem er eine kurze Skizze der Route gibt, die er in diesem Buch ablaufen möchte. Dabei handelt es sich um eine reale Wandertour, die er in seinem Leben oftmals schon bewandert hat. Während der Tour bleibt er immer wieder mal stehen, hält inne. Durch Ereignisse und verschiedene Situationen, werden Erinnerungen ausgelöst, die der Autor sehr ansprechend erzählt, sodass der Leser zusätzlich mit auf eine Gedankenreise genommen wird. Durch Verknüpfungen dieser mit Geschichten von Bibelfiguren oder christlichen Bekanntheiten, löste er bei mir Gefühle und Gedanken aus. Er blickt zurück, reflektiert, hinterfragt, schaut genau hin. Die Fragen, die er sich dabei stellt, stellt er zeitgleich auch dem Leser. Seine Hauptaussage: Wir sind Hirten unserer Erinnerungen und Gedanken. Manchmal ist es notwendig, sich auf eine Erinnerung, einen Gedanken, zu konzentrieren und besondere Aufmerksamkeit und Pflege zu schenken. Dabei ist es jedoch wichtig, auch die große „Herde“, das große Bild, im Blick zu behalten. Da er immer wieder in seinen Gedanken in die Vergangenheit springt und dadurch seine Erzählung der Wanderung unterbricht, wird zudem auch Spannung erzeugt: Wie reagiert er auf die drohende Gewitterlage? Wird ihm in der Alm die Tür geöffnet oder bleibt er im Regen stehen? So fiel es mir persönlich schwer, das Lesen zu unterbrechen und mir wirklich Zeit zur Reflektion zu nehmen. Die Fragen, die Zindel stellt, sind sehr gut gewählt und gut auf dem „Wanderweg“ eingebettet. Mir persönlich hätte sicher eine andere Art der Formatierung des Textes geholfen, nach jeder Frage (und manchmal waren es recht viele auf einmal), wirklich innehalten zu können oder sie in ein Notizbuch aufzuschreiben, um später noch einmal darauf eingehen zu können.
Zindels Schreibstil ist sehr ansprechend und nachvollziehbar. Die Zitate und Anekdoten sind sehr gewählt und lehrreich.
Obwohl ich (erst) Anfang 40 bin, hat mich das Buch sehr inspiriert und ermutigt, mir immer wieder Auszeiten zum Reflektieren und „Zurückblicken“ zu nehmen, gleichzeitig aber auch Vorrauszuschauen.

„Ich kenn dich nicht!“

„Ich kenn dich nicht!“

„Hallo!“
Sie hat dich bemerkt. Dabei hattest du versucht, dich nicht auffällig zu verhalten. Hattest versucht, nicht wahrgenommen zu werden.
Du wolltest einfach weg hier. Ungesehen. Ungehört. Nicht von allen. Aber von ihr!
Du dachtest, es wäre längst alles gut. Du hattest dich arrangiert mit deinem Leben. Wolltest sie einfach nicht mehr in deinem Umfeld haben. Den Namen nicht mehr hören. Sie nicht mehr sehen müssen. Dann…ja dann wäre doch alles gut.
Dann wäre alles vergeben.
Vergessen?! Vielleicht nicht. Aber der Entschluss zu vergeben, der war da. Und du dachtest auch, es wäre tatsächlich so gewesen. Du hättest ihr vergeben. Aber dann…
Dann hast du sie gesehen. Mal wieder. Einfach so lief sie auf der selben Straßenseite. Kam dir entgegen. Schaute auch erst weg. Sie schien verunsichert. Wusste nicht, wie sie reagieren sollte – aber dann hatte sie ein bewusstes „HALLO“ gesagt. Den Blickkontakt gesucht. Wie konnte sie es wagen?
Und du? Du merktest, dass es noch lange nicht gut war. Konntest nichts sagen. Wolltest nichts sagen. Du wolltest einfach vorbei. Raus, aus dieser Situation. Am liebsten raus aus dieser Stadt, so lange sie sich hier aufhalten würde.
Du hattest dich dazu entschieden so zu tun, als würdest du sie nicht kennen.
Dabei kennst du sie. Oder besser: Du dachtest, dass du sie kennen würdest.
Sie dachte, dass du sie kennen würdest. Ihr dachtet es beide. Und dann?
Sagte sie etwas, tat etwas, handelte so, wie es nicht in dein Bild von ihr passte.
Du fühltest dich verletzt, beleidigt, gedemütigt, ignoriert von ihr. Von ihr, die doch behauptete eine Freundin zu sein.
Sie dachte, du würdest sie kennen. Ihr Herz, ihre Verletzlichkeit, ihren Frust aber auch ihre Liebe. Sie dachte, du könntest ihr handeln anders deuten, verstehen, nachvollziehen, würdest erkennen, wie sie es meinte. Würdest verstehen, wie sie kämpfte und um Verständnis rang. Würdest vertrauen und glauben, dass sie es nicht so meinte, wie du es verstanden hattest. Würdest ihre Erklärung glauben und ihre Entschuldigung annehmen.
Aber das konntest du nicht. Nicht mehr oder noch nie?
Es passte nicht mehr zusammen.
Und nun. Du dachtest, du hättest vergeben. Dachtest, es wäre gut.
Aber das ist es nicht.
Du kanntest sie nicht. Du willst sie nicht kennen.
Also drehst du dich weg. Starrst in die andere Richtung und gehst vorbei.
Vielleicht fühlt sie sich nun verletzt, beleidigt, gedemütigt, ignoriert von dir.
Aber vielleicht auch nicht.
Vielleicht ist es eines Tages gut.
Vielleicht kannst du ihr eines Tages wieder in ihre Augen blicken.
Vergeben. Vergebung annehmen.
Vergessen? Vielleicht nicht.
Aber vielleicht wirst du eines Tages mit anderen Augen zurück blicken und wieder glauben und vertrauen können, dass es ihr leid tut und dass sie vergeben hat.
Dass ein „Hallo!“ einfach nur das Zeichen dafür ist, dass es okay ist. Dass der Entschluss zu vergeben immer mehr ins Herz gesackt ist.
Dass es nicht mehr so sein wird, wie früher – aber dass es gut sein wird und man sich nicht mehr aus dem Weg geht.
Vielleicht willst du sie irgendwann doch noch einmal oder zum ersten Mal kennen lernen.

Advent – Warten auf die Ankunft (von Weihnachten)

Advent – Warten auf die Ankunft (von Weihnachten)

„Es ist für uns eine Zeit angekommen, die bringt uns eine große Freud“ – so beginnt ein altes Weihnachtslied, das ich zwar lange nicht gehört habe, mir aber immer noch in Erinnerung ist…
Wir befinden uns mitten in der Advents-Zeit. Kinderaugen leuchten heute wie damals – nur, dass sie „damals“ vor Schaufenstern leuchteten – heute vor dem noch heller leuchtenden Bildschirmen der Online-Shops. Wir finden uns wieder, inmitten von vorweihnachtlichen Ritualen und Bräuchen. Wir versuchen, schon vorab den Stress nicht über die Besinnlichkeit kommen zu lassen und fokussieren uns darauf, die nächsten paar Wochen die wichtigsten Dinge zu erledigen und zwischendurch zur Ruhe zu kommen, damit die Festtage schön, gesellig, ruhig, friedvoll…werden. Denn wir feiern…WEIHNACHTEN. Die Heilige Nacht. Die Nacht, in der Christus der Retter geboren wurde…wohoo!!!!
Ich vermute, dass die meisten Menschen den GRUND für Weihnachten tatsächlich noch kennen – auch, wenn es längst hauptsächlich um Geld geht. Geld ausgeben und einnehmen für Bratwurst, Glühwein, Striezel und natürlich Geschenke.
Und trotzdem feiern wir. Wir feiern und warten aufs Feiern.
Wir warten.
Im Advent. Die Zeit der „Ankunft“ Christi.
Heute frage ich mich, ob wir wirklich auf CHRISTUS warten – oder eher auf den Heiligen Abend. Darauf, dass es was feines zu Essen gibt. Darauf, dass man sieht, wie sich ein anderer über das Geschenk freut. Vielleicht auch darauf, dass man Verwandte, die man lange nicht gesehen hat, endlich wieder an einem Tisch hat. Ja, darauf freue ich mich auch. Darauf warte ich auch und bereit mich darauf vor.
Aber mal ehrlich: Wenn Christus selbst nun kurz vor der Bescherung vor der Tür stehen würde…wenn er in dem Moment, als du den Festtagsbraten aus dem Ofen holst und alle am Tisch sitzen, klopfen würde und sagen würde: „Schön, dass ihr so lange gewartet habt. Da bin ich! Auf geht’s! Gema!“ – wie würden wir reagieren?
Mit den Augen rollen?
Darum bitten, nochmal nach dem Essen wieder zu kommen?
Würden wir ihn einladen, mit zu essen und dann bitte lieber mal bei den Nachbarn zu klingeln, die ihn ja nicht kennen und so gar nicht christlich sind?
„Maranatha!“ – Herr, komm(t) bald! Das ist ein aramäischer Ausruf, den es in der Bibel scheinbar nur ein einziges Mal gibt. Er drückt zum einen aus, dass Jesus bald wieder kommt. Aber er kann auch den Wunsch danach äußern. Ich ertappe mich immer wieder dabei, diesen Wunsch im Gebet zu sagen. Ich habe mir sogar eine Kette mit diesem Schriftzug gekauft. Ich möchte mich darauf besinnen, dass wir vielleicht nicht mehr viel Zeit haben. Und ich möchte keine Panik machen oder bekommen – aber die Tatsache, dass die Christenverfolgung weltweit zunimmt ist nicht zu leugnen. Immer mehr Kirchen werden auch in Deutschland angegriffen – verbal aber auch ganz praktisch durch Vandalismus. Religionsfreiheit für alle – aber bitte nicht für die konservativen Christen. Meinungsfreiheit für alle – aber bitte nur für die, die die selbe Meinung wie „ich“ haben…Herr, komm(t) bald! Ich wünsche es mir. Aber bin ich ready?
Bin ich ERWARTUNGSVOLL? Lebe ich den Advent täglich und warte auf die Ankunft, die Wiederkunft Jesu?
Die Bibelstelle, in der Paulus diesen Begriff „Maranatha“ benutzt, ist übrigens sehr spannend. Er schreibt im dichten Kontext nicht einmal von seiner Sehnsucht danach. Er warnt viel mehr. Er schreibt:
„Und hier noch mein Gruß an euch, den ich, Paulus, mit eigener Hand schreibe. Wer den Herrn nicht liebt, den soll Gottes Urteil treffen! Unser Herr, komm! (Maranatha!) Die Gnade unseres Herrn Jesus sei mit euch!“ (1. Korinther 16,21-23)
Wow! Mit der Wiederkunft Jesu wird nicht einfach nur alles gut. ER wird (auch) zum Gericht kommen. ER wird urteilen. ER wird aussortieren und fragen: „Liebst du mich?“, bevor es zu ihm in die Ewigkeit geht.
Ich möchte dann sagen können: „Oh ja! Ich habe schon mein ganzes Leben auf dich gewartet!“
Wie möchtest du die restliche Advents-Zeit verbringen? Wartest du auf Weihnachten oder auf die Ankunft von Christus?