Schlagwort: Perspektive

Stark-Sein durch Schwach-Sein

Stark-Sein durch Schwach-Sein

„Unsicher stand sie vom Tisch auf und stellte ihren leeren Teller, das halb leergetrunkene Glas und das dreckige Besteck auf das Tablett. Sie hasste volle Räume wie diesen. Jeder Stuhl des großen Speisesaals des kleinen Jugendhotels war besetzt von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die alle zu dieser frühen Stunde schon extrem lebhaft zu sein schienen. Mit halbvollen Mündern wurden laut diskutierend die Pläne für den Tag geschmiedet, Messer und Gabeln klapperten auf die Teller ein und jeder einzelne Stuhl, der beim Aufstehen oder Hinsetzen bewegt wurde, machte ein quietschendes Geräusch auf dem Boden. Der Lärmpegel und diese Masse an Eindrücken überschritt eindeutig die Toleranz ihrer Nerven und die Tatsache, dass der Tag erst begonnen hatte, beunruhigte sie noch mehr. Sie fühlte sich hier einfach nicht wohl. Klar, es war toll, schon in den ersten Monaten der neuen Arbeitsstelle so interessante Einsätze zu erleben wie diesen – als Aussteller zu einer Messe nach Berlin fahren- klang doch super?! Aber sie selbst war einfach noch nicht ganz angekommen. Angekommen im Team. Angekommen in der neuen Arbeitswelt und…angekommen bei sich selbst.
Sie kämpfte mit ihren Gedanken und ihren Ängsten -fast in jeder Minute des Tages. Auch jetzt, als sie da stand, das Tablett anhob und gemeinsam mit ihren Kollegen Richtung „Geschirr-Rückgabe“ ging. Sie versuchte sich nicht stressen zu lassen und ging bewusst langsam – ihrem Drang so schnell wie möglich die Flucht zu ergreifen entgegensetzend. „Wie überstehe ich diesen Tag mit so vielen Menschen um mich rum? Wie überstehe ich die nächsten TAGE hier?“ – ein lautes „KLIRR“ holte sie aus ihren Gedanken.
Ihr Albtraum war soeben Realität geworden: Der Lärmpegel im Raum verstummt für ein paar Sekunden, die Blicke sind auf sie gerichtet und die Röte steigt ihr ins Gesicht….Ein Albtraum. DER Albtraum.
Das Glas, das eben noch auf ihrem Tablett stand, lag in Scherben auf dem Boden, schön verteilt in einer kleinen Pfütze aus Orangensaft. Das allein wäre nicht das Problem, stünde sie allein in ihrer Küche. Es war mehr als das: Es waren die Stille und die auf sie gerichteten Blicke, die ihr die Luft zum Atmen nahmen. Wie sehr wünschte sie sich, dass diese Pfütze sich in ein Erdloch verwandeln würde, in das sie versinken könnte. Stattdessen ertönte hinter ihr die Stimme ihres Kollegen. Es war der Kollege, der bei allen Menschen gut ankam und dessen Stimme auch bei Lärmpegel zu hören war: Laut, deutlich und mit einem hörbar breitem Grinsen wurde die kurze Stille auch schon gebrochen zuerst mit dem Satz „War ja mal wieder klar!“ und dann mit Gelächter der Kollegen….

Kennst du solche Situationen: Du bist dir unsicher und kämpfst mit Zweifeln, Ängsten oder destruktiven Gedanken und wünschst dir einfach nur jemanden, der dich bestärkt, dich ermutigt oder dir zur Seite steht aber statt dessen kommen Sätze von oben herab?
Ich kenne solche Situationen zu gut. Ich kenne vor allem genau die oben beschriebene Situation sehr gut – ich habe sie selbst erlebt. Nicht nur diese – auch andere Situationen, in denen ich mich in Grund und Boden schämte und dann och einen Satz von „oben“ zu hören bekam. Am Schlimmsten sind aber für mich die Situationen, wo jemand immer wieder vor anderen (!) stichelt oder blöde Kommentare über mich oder dein Verhalten macht – manchmal nur um zu sehen, wann ich endlich an die Decke gehe um mir dann zu sagen, dass du ich mich nicht immer so aufregen soll….


Ich kenne die Situation aber auch von der anderen Seite: Immer wieder habe ich Sprüche losgelassen, die nicht gerade erbauend waren. Damals in der Teenager-Zeit aber selbst in den letzten Jahren immer wieder unbewusst. Was mir dabei aufgefallen ist: Sowohl bei denen, die über MICH oder mir liebe Menschen ständig blöde Sprüche machen als auch bei mir selbst geht es dabei mit hoher Wahrscheinlichkeit um eine eigene Unsicherheit. Denn: Wie bekommt man das Gefühl stärker, größer, klüger oder besser zu sein als man eigentlich ist? Indem man andere um sich herum, die einem scheinbar bei diesem Vergleich zur Gefahr werden könnten, schwächer, kleiner, dümmer und schlechter scheinen lässt.
Vor Kurzem hatte ich mal wieder so eine Situation, in der jemand meinen Mann vor anderen „gepiesackt“ hat. Nicht einmal, sondern gleich mehrfach. Obwohl es nicht mich persönlich getroffen hat, hat es mich wahnsinnig gemacht und ich begann anfangs, meinen Mann zu verteidigen- bis ich mich schließlich zurückzog, weil ich eigentlich keine Lust auf diese Machtspielchen hatte. Ich musste in meiner Rückzugsphase und in der Nacht darauf aber feststellen, dass ich dieses Verhalten aus eigener Erfahrung gut kenne. Ich nutzte das mal wieder zur Selbst-Reflexion und habe mir erneut das vorgenommen, was ich mir vor einigen Jahren ganz bewusst als Next-Step überlegt hatte: Ich möchte andere Menschen ermutigen, anfeuern und hochheben, damit sie sich nicht so fühlen, wie ich mich oft fühle. Damals schrieb ich für mich auf: „A strong woman is not strong beacuse of putting others down but because she knows about her weaknesses“ (Eine starke Frau ist nicht stark, weil sie andere runter macht, sondern weil sie um ihre Schwächen weiß.“

Vermutlich war das eines der sogenannten „Kettenglieder“ dich mich dazu gebracht haben, offen und ehrlich über meine Ängst, Schwächen und „Baustellen“ zu sprechen. Ist es nicht so viel besser, wenn man merkt, dass es auch anderen so geht? Wenn man sich nicht alleine fühlt „da unten“, sondern von denen, die das genau kennen, hochgehoben werden um eine neue Perspektive zu bekommen?


Was tust du, um dich stärker, klüger, besser zu fühlen?
Machst du andere kleiner, damit du größer wirst
Oder machst du andere größer und wächst dadurch mit ihnen?

Es ist UNSERE Entscheidung.

Neue Perspektiven

Neue Perspektiven

Während ich diesen Impuls schreibe, sitze ich in Frankreich auf dem Gelände von Freunden. Wir haben uns für 10 Tage hier her in die Berge zurück gezogen und versuchen eine Balance zwischen „Entspannung“ und „Planung“ hinzubekommen, denn in 14 Tagen ziehen wir in eine neue Wohnung. In die Wohnung, für die wir gerade mal drei Tage vor unserem Urlaub den Zuschlag bekommen haben.

Die letzten Tage gestalteten sich also so, dass wir zwischen kleinen Wanderungen, Pool und Beschäftigung unserer Tochter auch immer wieder Dinge organisierten, Transporter mieteten, Raumgetaltungen auf Millimeter Papier vornahmen, einen neuen Kindergartenplatz organisierten und diverse Dinge auf Ebay Kleinanzeigen reinstellten oder kauften.

Mehrere Nächte lag ich wach, weil mir neue Ideen kamen oder weil ich mir Sorgen machte: „Wie sollen wir alles in so kurzer Zeit schaffen?“, „Was, wenn sich meine Tochter im neuen Kindergarten nicht wohl fühlt?“, „Werden wir uns dort wirklich wohl fühlen?“…

Gerade nachts vergaß ich schnell, dass diese Wohnung für uns eine große Gebetserhörung war. Wir hatten zwei Listen, auf denen wir stehen hatten, was wir uns für die neue Wohnung wünschten. Auf der einen Liste standen die realistischen Mindestanforderungen – das, was wir tatsächlich brauchten und womit wir klar kämen. Die andere Liste nannten wir die „Gott-Liste“, denn dort standen Dinge drauf, die wir uns einfach wünschten, die aber eher unrealistisch waren oder einfach „Zusatz-Wünsche“.

Als wir uns für diese Wohnung bewarben, gab es noch viele andere Bewerber und doch bekamen wir den Zuschlag. Diese Wohnung hatte ziemlich alles, was auf BEIDEN Listen stand. Wir hatten gebetet und vertraut, dass Gott uns das gibt, was wir benötigen und was richtig für uns ist. Und trotzdem lag ich nächtelang wach und machte mir Gedanken. Die Sorgen schwebten immer wieder über meinem Kopf wie dicke Gewitterwolken und alles in mir schrie danach, sich schnell ins innere Häuschen zurückzuziehen, Ohren und Augen zu schließen und abzuwarten, ob sich der Sturm legte oder ob alles zusammenfiel.

Vor wenigen Tagen wurde genau diese Situation Realität: Wir waren im Pool unserer Freunde und ich sah dicke Gewitterwolken, die über dem Hügel auf uns zukamen. Die Vorhersage schien zuzutreffen und so packte ich schnell alles, was draussen rum lag ins Haus und machte mich bereit für den großen Sturm. Nach einer Stunde war immer noch nichts passiert. Die Wolken waren vorüber gezogen. Weil der Himmel wieder etwas klarer wurde, entschieden wir uns, eine kleine Abendwanderung auf den Hausberg zu machen, der direkt gegenüber lag. Als wir oben ankamen konnte ich das Gelände mit unserer Hütte von oben sehen. Ich sah auch den Hügel, über welchem ich die dunklen Wolken gesehen hatte. Der Hügel war von oben so viel kleiner und ich sah, wie weit der Himmel hinter diesem Hügel war. Ich erkannte plötzlich, dass die Wolken, die vom Gelände aus so riesig aussahen, von oben nur klein waren und schnell vorbeizogen.

 

Als ich so da oben stand wurde mir klar, dass dieses Bild gerade eine neue Sichtweise gibt:

Es ist alles eine Frage der Perspektive: Bleibe ich unten in dem kleinen Tal, in dem ich mich befinde, sehe ich die vielen Sorgen-Hügel um mich herum und die Ängste über Probleme scheinen riesig und drohend über diese Hügel zu kommen.

Aber es ist an mir, ob ich da unten bleibe und mich vergrabe und in mein Häuschen zurück ziehe oder ob ich raus gehe, den Berg, der vor mir steht, angehe, hinaufsteige und eine neue Perspektive einnehme. Ich könnte erkennen, dass diese Probleme gar nicht so groß sind, wie sie erscheinen. Dass die Sorgen mich einkesseln wollen, aber dass ICH entscheiden kann ob ich mich innerlich und geistlich vorbereite, meine Wanderschuhe anziehe, Proviant und Regenschutz einpacke und mit festen Schritten diesen Berg bezwinge um dann zu merken, dass es schaffbar, machbar und bezwingbar ist. Und dass ich manchmal die Dinge neu betrachten kann.

Also: Rauf auf den Berg! Ich höre ihn schon rufen:)