Puzzleteile

Puzzleteile

Vor zwei Wochen hatten mein Mann und ich an unserem freien Tag verschiedene Ideen, wie wir ihn gestalten könnten. Eine davon war: „Lass uns mal wieder ein großes Puzzle machen!“

Tatsächlich fand ich im Schrank einige 1000er Puzzle und wir entschieden uns, gemütlich damit zu beginnen. Eine alte Glasplatte wurde als Unterlage geholt, Platz wurde im Wohnzimmer geschaffen, damit wir loslegen konnten. Es dauerte nicht lange, da lehnte sich mein Mann im Sessel zurück und begann ein Buch zu lesen. Ich puzzelte allein weiter, bis mein Rücken von der Sitzhaltung weh tat. Eine Pause musste her.

Das Puzzle blieb liegen. Es war noch viiiiel zu tun.

Der nächste Tag war ein Sonntag. Ich war krank und musste zuhause bleiben. den Gottesdienst schaute ich deshalb online und puzzelte dabei weiter. Die nächsten Tage lag das halb fertige Werk im Wohnzimmer. Dieses wiederum wirkte ungemütlich und vollgestellt, weil diese große Aufgabe mit noch etwa 400 losen Puzzleteilen darauf wartete, endlich vervollständigt zu werden.

Mittlerweile waren 10 Tage vergangen. Mein Mann rührte kein Teil mehr an und war mit anderen Dingen und neuen Ideen beschäftigt. Und ich? War innerlich unruhig, weil ich es nicht übers Herz brachte, alles wieder weg zu packen, ohne das Bild vollständig vor mir liegen zu haben… also lag es weiter dort, wartete, machte mich nervös und regte mich irgendwie sogar auf:

„Wir“ wollten es GEMEINSAM machen!

„Wir“ wollten es GANZ fertig haben!

„Wir“ wollten die Zeit genießen.

Stattdessen lag dieses unfertige Puzzle da-als Symbol, als Metapher und als Lehrbuch:

Wie sooft war eine gemeinsame Vision da, die begonnen wurde aber nicht fertig wurde.

Wie so oft musste ich mir eingestehen, dass ich es nicht alleine schaffe.

Wie so oft musste ich lernen, Dinge nur dann zu beginnen, wenn ich mich darauf verlassen kann, dass die Ressourcen und Menpower da sind, um es auch bis zum Ende durchzuziehen.

Und wie so oft musste ich erkennen, dass meine Berechnung der Projektzeit auf Grundlagen beruhte, die nicht die selben Grundlagen meines Mannes waren. Vielleicht hatte er nicht einmal das Ziel, es fertig zu stellen. Vielleicht wollte er einfach Stück für Stück voran kommen und dann aufhören und es zur Seite legen, bis er wieder Zeit und Lust hat. Ihn hätte es nicht gestört. Aber mich… Ich bin also einfach davon ausgegangen, dass er das selbe Ziel hatte und deshalb seine Planung danach ausrichtet…

Heute habe ich eine Entscheidung getroffen. Ich weiß, dass mein Mann in der nächsten Zeit keine Zeit und Lust hat, weiter zu puzzeln und ich weiß, dass ich keine Zeit und Lust habe, es alleine zu tun. Es war (von mir) als gemeinsames Projekt geplant-die Ressourcen haben nicht gereicht. Statt Entspannung wurde Stress draus. Zumindest für mich!

Also habe ich entschieden und habe das Puzzle unfertig weggepackt.

Das Wohnzimmer ist wieder ordentlich, alles sieht danach aus, als hätte ich genug Zeit, um Ordnung zu schaffen und zu halten. Zumindest für den Moment!

Komme ich damit klar, dass das Puzzle nicht fertig wurde? Bedingt!

Bin ich enttäuscht? Auf jeden Fall!

Habe ich was gelernt? Oh ja!

Ich will wieder mehr für MICH schauen, was ich warum beginne und einplanen, es fertig zu stellen. Ich will lernen, einmal mehr zu prüfen, ob der andere die Dinge genau so sieht und die Pläne so aussehen wie meine. Tun sie das nicht, will ich vorher prüfen, ob ich die Unterschiede aushalte und ich mich darauf einlassen kann oder ob ich es gar nicht erst beginne, um nicht enttäuscht zu werden. In diesem Fall: kann ich es aushalten, wenn das Puzzle tagelang das Wohnzimmer blockiert? Kann ich warten bis der andere es dann wegpackt oder sollte ich vielleicht kommunizieren, WER es macht? Kann ich….

Ich kann niemandem einen Vorwurf machen-auch nicht meinem Mann, wenn ich von Dingen ausgehe, die nie besprochen wurden oder wenn ich mich an Dingen störe, die den anderen einfach nicht stören…

Ich will aber auch lernen, mir einzugestehen, wenn es eben NICHT klappt und dann schnellstmöglich wieder Ordnung herstellen. Nicht für den anderen-für MICH! Und irgendwann wird es sich dann auch nicht mal mehr ein bisschen nach „Versagen“ anfühlen, sondern wie ein weiterer Sieg gegen Frust und Stress:)