Monat: Oktober 2026

Einheit

Heute feiert Deutschland den „Tag der deutschen Einheit“.
Schon beim Schreiben dieses ersten Satzes ploppen in meinem Gehirn verschiedene Fragezeichen auf.
„Heute FEIERT Deutschland…“ ist das so?
Feiert das Land diesen Tag?
„Heute feiert Deutschland den ‚Tag der deutschen EINHEIT‘.“
Feiert das Land „Einheit“?
Können wir überhaupt noch feiern?
Sind wir als „Volk“ noch eine Einheit?

Ich erinnere mich an die Fußball WM 2006 – solche Bilder stelle ich mir vor, wenn ich an „feiern“ denke.
Einige Wochen Ausnahmezustand in Deutschland, alle trugen stolz Kleidung, Fake-Perrücken, Fingernägel oder Tattoos mit den Farben „Schwarz-Rot-Gold“. Man setzte sich dicht neben Fremde, jubelte laut, wenn ein Tor fiel, machte einen Auto-Korso durch die Stadt. Man trank gemeinsam ein Bier beim Public-Viewing und feierte auf der Fanmeile mit der deutschen National-Mannschaft – und das (das kann man sich ja kaum vorstellen), obwohl diese nur den Dritten Platz belegt haben und nicht einmal den Pokal nachhause brachten.
Wie sah das in diesem Jahr aus? Man schimpfte über den Trainer, über die Spieler und schrie nach einer Neubesetzung und nun schreien andere, dass die Mannschaft zu „bunt“ ist…?!
Natürlich kommen mir auch andere Bilder in Erinnerung. Bilder, auf denen Menschen tatsächlich das feierten,
was wir an diesem 3.Oktober eigentlich feiern: Die Wiedervereinigung eines Landes, das vor allem auf der Landkarte gespalten war.
Ich frage mich, ob unser Land heute, am 3.10.2026 vielleicht gespaltener ist, als es je war.
Nein, es gibt keine Mauer mehr. Es gibt keine DDR vs. BRD mehr. Es gibt keine äußere Spaltung mehr auf der Landkarte – aber es gibt eine vielleicht größere Spaltung mit Blick auf Politische Meinungen, Religion und Vision für das Land.
Und es gibt eine Spaltung im Umgang mit genau diesen Punkten.
Die einen wollen geschlossene Grenzen, die anderen wollen gar keine.
Die einen wollen Offenheit für alles und jeden, die anderen wollen Sicherheit innerhalb von Grenzen, die klarer gesetzt werden. Die einen wollen die anderen Mundtot machen, die anderen wollen umso lauter Brüllen und hören gar nicht mehr zu…
Die einen wollen fremde Fahnen und Flaggen hissen, eine eigene Kultur und am liebsten einen eigenen Staat im Staat gründen – die anderen wollen alles verbieten, was „anders“ ist.
Die einen beschimpfen die, die sich nach der klaren Identität einer Nation sehnen, als „Nazis“, die anderen beschimpfen die, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, und die wegen anderer Hautfarbe auffallen als „Ausländer“…
(Übrigens: Ist es nicht interessant, dass dieser Begriff negativ belastet ist, ja schon fast als Beschimpfung gilt – obwohl es vom Wort selbst einfach nur den Fakt beschreibt, dass eine Person aus einem anderen Land – dem AUSland stammt?)
Und dazwischen sind die, die gar nichts mehr dazu sagen wollen, weil sie müde vom Diskutieren und Rechtfertigen sind und die nur noch schweigen, weil sie das alles nicht mehr aushalten.
Wie sieht sie aus – die „Deutsche Einheit“?
Die Mauer ist verschwunden, dafür reißen die Gräben nach unten immer weiter auf.

Ich habe mich gestern gefragt, wie die Welt und unser Land aussehen könnten, wenn wir alle wirkliche Einheit leben würden.
Wenn wir in der Unterschiedlichkeit trotzdem einig wären. Nicht in allem, aber doch in wesentlichen Punkten.
Einig darin, dass es ein Wunder und Gnade war, dass sich Frankreich, England und die USA einig waren, die BRD nicht weiter aufzuteilen oder sie ganz ihren eigenen Ländern anzuschließen? Stell es dir vor!
Einig darin, dass es durch die Berlin-Blockade der Sowjets und die Reaktion der USA, Frankreich und Großbritannien nicht zu einem nächsten Weltkrieg kam, sondern die Panzer sich zurückzogen?
Einig darin, dass es ein Wunder und Gnade war, dass die DDR ohne „Bloody Sunday“ dafür durch friedliche Demonstrationen endete und Menschen wieder über die Grenze durften, wenn und wann sie es wollten?
Einig darin, dass es ein Wunder und Gnade ist, dass wir demokratisch wählen dürfen?
…
Es gibt noch so viel mehr Punkte.
Aber wie würde die Einheit aussehen, wenn wir wieder mehr Dankbarkeit an den Tag legen würden?
Und wenn wir bei uns selbst beginnen würden?
Wenn wir ruhig bleiben würden bei Diskussionen? Wenn wir andere Meinungen stehen lassen würden und auf gute Weise diskutieren könnten – eben andere Sichtweisen in Betracht zu ziehen und eigene Argumente zu hinterfragen?
Wenn wir aus bestem Wissen und Gewissen und mit Gottesfurcht wählen würden und auch unsere Verantwortungen mit Gottesfurcht wieder wahrnehmen würden?
Wie würde Deutschland aussehen, wenn wir wieder mehr ermutigen und konstruktiv an Lösungen arbeiten würden?
Wenn wir uns darin einig wären, was wir uns für dieses Land- und für uns selbst wünschen würden?
Wo ist die Einheit?

Ich kombiniere den heutigen Tag mit einem anderen „Besinnungs-„Tag. Nämlich mit Buß- und Bettag.
Ich tue Buße, wo ich andere Meinungen nicht stehen lassen konnte.
Ich tut Buße dafür, dass ich mich so oft über politische Entscheidungen oder Politiker aufgeregt habe, dass ich sogar vor einigen Jahren noch Satire-Sendungen angeschaut und mich über Politiker lustig gemacht habe – anstatt sie zu segnen und für sie zu beten!
Ich bete, dass wir wieder Gottesfurcht lernen und Gott uns gnädig ist.
Ich feiere und bin dankbar, dass ich in einem Land leben darf, dem es so viel besser geht, als den meisten Ländern,
dass ich in einem Land leben darf, in dem ich mitbestimmen darf und mitgestalten darf.
Ich feiere und bin dankbar, dass wir so lange Frieden hatten.
Und ich bete, dass wir wieder tiefen Frieden erleben dürfen – der bei uns persönlich beginnt.
Damit wir ruhig, besonnen, liebevoll, gnädig, vor allem aber GOTTESFÜRCHTIG miteinander umgehen.
Ich bete, dass wir diesen Tag der deutschen Einheit erleben!