Schlagwort: Kurzgeschichte

Der unbeliebte Besuch – eine Kurzgeschichte

Der unbeliebte Besuch – eine Kurzgeschichte

Der unbeliebte Besuch (Desirée Rosemann)

Stumm saß die Mutter mit ihren beiden Kindern beim Abendessen.
Niemand vermochte etwas zu sagen.
Die Küchenuhr tickte stetig, wie sie es immer tat.
Obwohl es sich anfühlte, als wäre die Zeit stehen geblieben, war sie ein Zeugnis
dafür, dass sich die Welt noch immer drehte. Dass das Leben weiter ging. Zumindest
für die drei Personen, die dort am Tisch saßen.
Die warme Kürbissuppe dampfte in der großen Suppenschüssel.
Ein Klopfen an der Tür durchschnitt die Stille.
Es klopfte einmal.
Zweimal.
Noch ein drittes Mal. Doch niemand wollte öffnen.
„Bitte, lasst mich herein“, tönte eine dumpfe Stimme von draußen. „Ich wurde
gerufen euch beizustehen.“
Niemand traute sich aufzustehen.
Niemand wollte den Gast hereinlassen.
Fragend blickte die junge Tochter ihre Mutter an. „Wollen wir nicht nachschauen, wer
da ist?“ fragte ihr Blick.
„Ich möchte nicht öffnen! Heute nicht!“ sagte die Mutter schließlich.
Als ob nichts geschehen wäre, begann sie, die Teller mit der dampfenden Suppe zu
befüllen.
Sogar den Vierten. Den, der vor einem leeren Stuhl stand. „Esst! Es hilft ja nix!“
sprach sie, schnitt vier Scheiben Brot ab, verteilte sie neben die Teller und begann zu
essen.
Mit langsamen Schritten entfernte sich der Besuch von der Haustür. Die Regel
besagte, dass die Menschen zu einem frühen Zeitpunkt nicht bedrängt werden
dürften. Bliebe die Tür verschlossen, müsste sie weiterziehen und es ein anderes
Mal behutsam versuchen.
Doch hier war sie schon oft gewesen. Heimlich wurde sie bereits vor einigen Wochen
von der Tochter und dem Sohn eingelassen. Die Mutter aber ignorierte das Klopfen
jedes Mal.
Sie kannte den Ton, den das Klopfen an diese Tür verursachte, nur zu gut. Heute
war ihr letzter Versuch.
„Nicht mehr lange“, dachte sie sich, „und du wirst nach mir schreien!“
Sie ließ ihre Schultern hängen. Sie wusste, was es bedeutete, wenn der Ruf nach ihr
sich in ein verzweifeltes Schreien verwandelte.
Wenn die Tür nicht bereits offenstand.
Wenn der Ruf zu einem Schrei wurde, durfte sie nicht zögern. Sie musste sofort
kommen. Es war genau dieser Gang. Dieser plötzliche, schnelle Gang, der am
schmerzhaftesten war. Es bedeutete, dass ihr Gepäck dann mit einem Mal größer
und schwerer wurde. Sie wusste, dass sie dann länger verweilen musste, bis sie
entweder aus dem Haus gejagt wurde oder liebevoll verabschiedet und zu einem
weiteren Besuch eingeladen wurde.
Es war nur ein kleines Stück zur nächsten Stadt, in die sie zu einem weiteren Haus
geschickt wurde. Langsam machte sie sich auf den Weg.
Es wurde dunkel. Die meisten Fenster waren bereits in warmes Licht
gehüllt. Aus manchen Häusern vernahm sie Kindergeschrei, hier und dort bellte ein
Hund. Ein Spaziergänger kam ihr entgegen. Als er sie bemerkte, wechselte er die Straßenseite.
„Keine Angst“, flüsterte sie leiste, „du stehst derzeit nicht auf meiner Liste.“
Als sie schließlich das Haus, das sie nun betreten sollte, schon von weitem erkannte
zögerte sie. Sie sah, wie zwei Männer das Haus verließen. Mit hängenden Schultern
hatten sie ihre Hüte wieder aufgesetzt und stiegen gerade in ihr Auto. Als sie davon
gefahren waren, ging sie näher zum Haus. Schlich langsam zur Tür und klopfte
behutsam.
Niemand öffnete.
Auch nicht, nach dem dritten Klopfen.
Kopfschüttelnd ging sie weiter. Sie würde in wenigen Stunden wieder kommen und
es noch einmal versuchen.
Sie war müde, so unendlich müde. Die schweren Lasten, die auf ihrem Rücken
lagen, durften nur kurz abgelegt werden und doch wusste sie, sie musste nun eine
kurze Pause einlegen, bevor es weiter ging.
Viel zu lange war sie schon unterwegs, viel zu viel hatte sie zu tragen.
Es war ihre Berufung.
Es war ihre Berufung zu tragen, auszuhalten und weiterzuziehen.
Weiterzuziehen, wohin sie gerufen wurde. Anzuklopfen.
Zu warten.
Zu bitten.
Geduldig zu sein.
Und wieder weiterzuziehen.
Dann, wenn sie nicht eingelassen wurde, aber auch dann, wenn ihre Zeit abgelaufen
war und das nächste Zuhause auf sie wartete.
Sie setzte sich auf eine kleine Holzbank am Waldrand und atmete tief ein.
Etwas ließ sie spüren, dass sie genau hier zu dieser Zeit ihre Pause einhalten sollte.
Gerade versuchte sie genauer hinzuhören um herauszufinden, ob sie einen Ruf aus
der Ferne überhört hatte, als ein älterer Mann des Weges entlang kam.
Kurz musterte er sie und deutete an, weiterzugehen. Doch dann hielt er kurz inne,
drehte sich noch einmal herum und entschloss sich, sich neben sie zu setzen.
Sie sagte nichts und schaute ihn nur an. „ER muss es selbst zulassen!“ sagte sie zu
sich selbst.
Schweigend saßen sie da.
Der Wind ließ die Blätter der Linden und Eichen im Herbstwind rascheln. Nur noch
wenige Amseln sangen ihr Abendlied, während die Umrisse der Bäume langsam
immer dunkler wurden.
In der Ferne erklang eine Kirchturmuhr.
Einmal.
Zweimal.
Dreimal….
Bevor sie weiter mitzählen konnte, wurde der Glockenklang von einem Schluchzen
unterbrochen.
Es war so weit.
Er ließ es zu.
Er ließ SIE zu.
Schweigend legte sie ihren Arm um seine Schultern. Sie sagte nichts. Und er weinte.
Bitterlich.
Sie reichte ihm ein Taschentuch und blickte ihm sanft dabei in die Augen.

„Es ist schon so lange her…“ stammelte er, „….ich hatte gehofft, den Schmerz zu
vergessen. Und nun sitzt du hier. Ich spürte, dass ich mich setzen muss und es ist
alles wieder da.“
„Ich weiß.“ Ihr Stimme klang sanft und mitfühlend. Sie selbst starrte zu Boden.
„Warum? Warum jetzt?“
„Weil du JETZT so weit bist.“
Sie schaute ihn nun direkt an.
„Damals hast du mich nicht hereingelassen, wie so viele. Du hast versucht mich zu
ignorieren. Manchmal durfte ich für ein paar Sekunden in deine Nähe, aber dann
hast du die Türe fest verschlossen, gingst wieder deinem Alltag nach und ich musste
warten, bis ich wieder den Auftrag bekam, deine Nähe zu suchen um dir die
Möglichkeit zu lassen, mich zu finden.“
„Es tut so weh!“ Er begann wieder zu weinen. „Ich vermisse sie so sehr. Sie war
mein Ein und Alles. Wir waren so glücklich und plötzlich….ist nichts mehr, wie es
war.“
„Ich weiß.“ Sie seufzte.
Sie kannte das alles zu gut. Sie kannte den Schmerz. Sie kannte die Verzweiflung
und sie kannte die Fragen. Sie kannte jede einzelne der quälenden Fragen.
Und doch war es nicht ihre Aufgabe zu antworten. Es war nicht ihre Aufgabe zu
rechtfertigen oder zu begründen. Ihre schwere Aufgabe war es, die Gefühle der
Menschen mitzutragen. Dazu war sie da. Und sie konnte es gut.
Sie war dafür geschaffen.
Sie wusste, wie hart und kantig sich die Wut anfühlt.
Sie wusste, wie es ist, kaum Luft zum Atmen zu haben.
Sie kannte die Schwere der Schuldgefühle und die Enge der Ungewissheit.
Ihre Aufgabe war nicht leicht und doch war es IHRE Aufgabe. Es war das, was sie
am besten konnte: Mittragen. Mitleiden. Mitfühlen. Und das tat sie nun gerade in
diesem Moment.
An diesem Ort, an den sie gerufen wurde. An dem sie spürte, dass sie da sein
musste.
Sie saß auf dieser Waldbank, hielt diesen Mann im Arm und stützte ihn, während er
dasaß, weinte und seine jahrelange Last stückchenweise abgab.
Es war nur ein Anfang, das wusste sie. Und doch war es der erste Schritt.
Zu lange hatte er sie ignoriert. Zu lange hatte er versucht, seinen Weg ohne sie zu
gehen und seinen schweren Rucksack zu tragen. Und nun war der Zeitpunkt da, an
dem er ihr endlich Anteil gab.
Noch eine Weile saßen sie da, bis der Mann etwas ruhiger wurde und das letzte
Taschentuch in ihre Hände legte.
„Wirst du wieder kommen?“
In seinem Blick war eine Mischung von Hoffnung und Angst zugleich wahrzunehmen.
„Ja“, antwortete sie, „ich komme immer wieder. Ich werde in deiner Nähe sein, denn
du wirst mich brauchen. Manchmal wirst du mich von weitem sehen und weglaufen.
Manchmal wirst du mich wahrnehmen und es kommt über dich, so wie heute. Aber
manchmal, wenn du mich bewusst einlädst und mir die Tür öffnest, werde ich
behutsam eintreten und mich neben dich setzen und dir helfen. Ich werde deine Wut
aushalten, deinen Tränen mitweinen und bittersüße Erinnerungen hervorrufen. Ich
werde deine Hand halten, wenn du es brauchst, dir Einsamkeit verschaffen, wenn du
es wünschst. Ich bin nicht der wünschenswerteste Geselle, das weiß ich wohl, aber
auch wenn jeder mich aus seinem Leben verbannen möchte, werde ich von jedem
gebraucht. Ich werde wiederkommen, wenn du mich lässt. Wir werden uns eines Tages
immer mehr aneinander gewöhnt haben und dann, wenn du mich gut kennst
und annimmst, werde ich seltener kommen. Meine Besuche werden weniger
schmerzhaft und je öfter ich da war, desto weniger werden wir gemeinsam weinen,
desto tiefer werden die Seufzer und desto süßer die Erinnerungen.“
„Ich werde dich einladen. Bald. Ich brauche nur etwas Zeit.“ Mit einem langen Blick
verabschiedete er sich und ging weiter.
Als ob er es sehen könnte, nickte sie. Sie wusste es und sie war geduldig.
Sie blickte in die Ferne, lud ihre Lasten wieder auf ihren Rücken – die Lasten, die so
schwer waren und doch zu ihr gehörten. Ein Ruf ereilte sie. Wieder ein Ruf voller
Schmerz. Ein Kind rief ihren Namen und sie hörte ihn nun sehr deutlich: „TRAUER!“
und sie wusste, eine offene Tür wartete auf sie.

Trauer ist ein Teil unseres Lebens. Trotzdem versuchen wir immer wieder, Trauer
nicht zuzulassen. Wir verschließen die Tür, denn wir wissen: Mit Trauer ist Schmerz
verbunden. Trauer tut weh. Sie wiegt schwer und sie ist nicht der wünschenswerteste
Gast in unserem Leben.
Trotzdem wird sie früher oder später an die Tür klopfen. Es ist gut, sie hinein zu
lassen und einzuladen, denn es ist schmerzhafter, wenn der Ruf unserer Seele zu
einem entsetzlichen Geschrei wird, der die Trauer mit allen Lasten der
Vergangenheit auf einmal zu sich zu zieht.

Stark-Sein durch Schwach-Sein

Stark-Sein durch Schwach-Sein

Unsicher stand sie vom Tisch auf und stellte ihren leeren Teller, das halb leergetrunkene Glas und das dreckige Besteck auf das Tablett. Sie hasste volle Räume wie diesen. Jeder Stuhl des großen Speisesaals des kleinen Jugendhotels war besetzt von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die alle zu dieser frühen Stunde schon extrem lebhaft zu sein schienen. Mit halbvollen Mündern wurden laut diskutierend die Pläne für den Tag geschmiedet, Messer und Gabeln klapperten auf die Teller ein und jeder einzelne Stuhl, der beim Aufstehen oder Hinsetzen bewegt wurde, machte ein quietschendes Geräusch auf dem Boden. Der Lärmpegel und diese Masse an Eindrücken überschritt eindeutig die Toleranz ihrer Nerven und die Tatsache, dass der Tag erst begonnen hatte, beunruhigte sie noch mehr. Sie fühlte sich hier einfach nicht wohl. Klar, es war toll, schon in den ersten Monaten der neuen Arbeitsstelle so interessante Einsätze zu erleben wie diesen – als Aussteller zu einer Messe nach Berlin fahren- klang doch super?! Aber sie selbst war einfach noch nicht ganz angekommen. Angekommen im Team. Angekommen in der neuen Arbeitswelt und…angekommen bei sich selbst.
Sie kämpfte mit ihren Gedanken und ihren Ängsten -fast in jeder Minute des Tages. Auch jetzt, als sie da stand, das Tablett anhob und gemeinsam mit ihren Kollegen Richtung „Geschirr-Rückgabe“ ging. Sie versuchte sich nicht stressen zu lassen und ging bewusst langsam – ihrem Drang so schnell wie möglich die Flucht zu ergreifen entgegensetzend. „Wie überstehe ich diesen Tag mit so vielen Menschen um mich rum? Wie überstehe ich die nächsten TAGE hier?“ – ein lautes „KLIRR“ holte sie aus ihren Gedanken.
Ihr Albtraum war soeben Realität geworden: Der Lärmpegel im Raum verstummt für ein paar Sekunden, die Blicke sind auf sie gerichtet und die Röte steigt ihr ins Gesicht….Ein Albtraum. DER Albtraum.
Das Glas, das eben noch auf ihrem Tablett stand, lag in Scherben auf dem Boden, schön verteilt in einer kleinen Pfütze aus Orangensaft. Das allein wäre nicht das Problem, stünde sie allein in ihrer Küche. Es war mehr als das: Es waren die Stille und die auf sie gerichteten Blicke, die ihr die Luft zum Atmen nahmen. Wie sehr wünschte sie sich, dass diese Pfütze sich in ein Erdloch verwandeln würde, in das sie versinken könnte. Stattdessen ertönte hinter ihr die Stimme ihres Kollegen. Es war der Kollege, der bei allen Menschen gut ankam und dessen Stimme auch bei Lärmpegel zu hören war: Laut, deutlich und mit einem hörbar breitem Grinsen wurde die kurze Stille auch schon gebrochen zuerst mit dem Satz „War ja mal wieder klar!“ und dann mit Gelächter der Kollegen….

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