IN FREUD UND LEID oder „VOM UMGANG MIT TRAUER(nden)“

IN FREUD UND LEID oder „VOM UMGANG MIT TRAUER(nden)“

Liebe LeserInnen,

seit ca. zwei Jahren beschäftigt mich das Thema „Trauerbegleitung“ in allen Facetten. Vor ca. zwei Wochen befand ich mich nach einer Fehlgeburt selbst in einem Trauerprozess und spürte nun ganz persönlich, was es heißt zu trauern. Leider erlebte ich aber auch was es heißt, sich in der Trauer alleine und einsam zu fühlen. Obwohl sich manche lieben Menschen (zu 90% per WhatsApp) meldeten, fühlte ich mich in der Trauer alleingelassen und ich weiß, es geht vielen Menschen so. Meine Vermutung und auch die Rückmeldung von manchen Freunden im Nachhinein war, dass viele nicht wissen, wie man am besten reagiert oder nicht reagiert. Die Angst, etwas falsch zu machen und die Hilflosigkeit ist oft der Grund, warum sich viele dazu entscheiden, gar nicht zu reagieren. Diese Angst und das Gefühl der Hilflosigkeit kann ich voll nachvollziehen.Aus diesem Grund und weil ich einige Blogbeiträge und Forumsbeiträge von Frauen gelesen habe, denen Dinge nach einer Fehlgeburt gesagt wurden, die den Schmerz und die Fragen noch mehr fördern, möchte ich hier ein paar Ideen als Hilfe geben. Es geht mir hier nicht (!) darum ,Vorwürfe zu machen. Wie gesagt, verstehe ich, dass man oft nicht weiß, was hilft oder nicht hilft (woher soll man es auch wissen? Das Thema „Trauer“ ist ein sehr stilles Thema und wird eher tabuisiert, obwohl es ein Teil des Lebens ist.) Es geht mir darum:

Falls DU jemanden in deinem Umfeld hast, der sich in einem Trauerprozess befindet, vor allem, wenn du hörst, dass eine Frau in deinem Umfeld eine Fehlgeburt erlitten hat, hoffe ich, dass dir diese Ideen helfen aktiv zu werden, wenn DU aktiv werden möchtest und es dir ein Anliegen ist, du aber nicht weißt, was du tun kannst.

Es sind verschiedene Ideen. Du MUSST GAR NICHTS und vor allem NICHT ALLES tun – aber vielleicht helfen dir die Ideen, den Mut zu fassen, etwas zu tun und nehmen dir ein bisschen Angst und Hilflosigkeit. Mir hatte es im Studium sehr geholfen, mich mit diesen Möglichkeiten und auch mit verschiedenen Ritualen zu befassen.

1. REAGIERE
Wenn du von dem Trauerfall hörst und an die Trauernde Person denkst: REAGIERE!
Schreibe eine Karte. Schicke Blumen. Rufe an. Schicke eine Sprachnachricht. Geh vorbei. Schicke wenigstens eine WhatsApp…

2. Sei AUTHENTISCH UND EHRLICH
„Es tut mir so leid. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll!“
„Es ist echt schwer, die richtigen Worte zu finden. Es tut mir leid!“
„Ich denke fest an dich/euch und bete für Trost und Kraft!“
„Ich bin fassungslos!“
„Ich trauere und weine mit euch!“
Das reicht schon und zeigt trotzdem, dass du Anteil nimmst und die Person nicht alleine ist – auch nicht in der Hilflosigkeit und mit den vielen Fragen.

3. SEI DA
„Ich würde dich gerne besuchen und einfach neben dir sitzen. Möchtest du das?“ – Dieser Satz macht ein Angebot, gibt aber der Trauernden Person die Möglichkeit, einfach „Nein, aber danke!“ sagen zu können. Es zeigt, dass du dich nicht entziehst, sondern für die Person auch ganz sichtbar und spürbar da sein möchtest.

4. PRAKTISCHE HILFE
Praktische Dinge können extrem helfen, dass sich die Person bewusst Zeit zum Trauern nehmen kann. Mir brachte eine befreundete Familie an zwei Tagen das Abendessen ans Bett und hielt einfach meine Hand. Sie nahmen auch Wäsche zum Trocknen mit. Das hat so geholfen!
Vielleicht hilft ein Einkauf, Wäschewaschen oder Hilfe bei Behördengängen und Papierkram. Oder hat die Familie weitere Kinder, die vielleicht zu Kindergarten/Schule/Arzt gebracht werden müssen oder Betreuung benötigen? Biete es an!

5. KLEINE AUFMERKSAMKEITEN
Ein Blumenstrauß, ein „Care-Paket“ oder auch ein passendes Buch sind eine sehr liebevolle Geste, die der Seele gut tun.

6. DENKE NICHT ZU VIEL NACH
Überlege nicht zu lange, wie viele Freunde, Nachbarn oder Verwandte die betroffene Person hat und wie viel „Liebe“ und „Trost“ sie von anderen bekommt. Wenn DU die Person auf dem Herzen hast und es dir Leid tut, dann drücke es aus. Überschütte eine Person lieber mit Liebe, als ihr diese zu entziehen, weil du denkst, sie bekommt genug. Du weißt es nicht und du kannst es nicht wissen! Vielleicht denken alle anderen auch „Die anderen kümmern sich schon drum!“

7. VERMEIDE WEISHEITEN UND SÄTZE WIE DIE FOLGENDEN:
„Es wird schon zu was gut sein!“

„Du kannst es ja bald nochmal versuchen!“ (Nach einer Fehlgeburt)
„Du hast ja noch andere Kinder!“
„Es ist bestimmt besser so!“
„Hat der Arzt dir gesagt, warum du das Kind verloren hast? Hast du was falsch gemacht?“ (Viele Frauen quälen Schuldgefühle – „Es muss doch einen Grund/einen Schuldigen geben? Und wenn es nicht Gott ist, dann muss ICH ja schuld sein…“ Nimm die Schulgefühle, anstatt sie zu bestärken.)
„Melde dich, wenn du was brauchst!“ – ( Die Wenigsten finden die Kraft oder Mut sich wirklich zu melden, geschweige denn benennen zu können, was sie brauchen. Biete einfach etwas an und sei trotzdem nicht beleidigt, wenn die Person nicht antwortet oder „nein“ sagt.)
„Es ist jetzt aber auch schon eine Zeit her.“ (Traurigkeit und Schmerz werden immer bleiben. Beurteile nicht, wie lange jemand trauern darf)
„Ah, dann war das Kind ja eh noch nicht so weit…“ (als Reaktion darauf, wenn eine Fehlgeburt vor der 12. Woche stattfand. Es handelt sich um einen Menschen, der da gestorben ist. Beurteile nicht durch das „Alter“ oder wie „sichtbar“ dieser Mensch war. Ein Leben ging verloren – da ist es egal, wie weit es fortgeschritten war).

Es kann sogar schwierig sein, wenn du mit theologischen Wahrheiten oder Bibelversen um dich haust. Manchmal hilft es einfach schweigend daneben zu sitzen oder die Person zu umarmen, wenn sie es zulässt. Du kennst die Person – überlege, was ihr wirklich Trost geben könnte.

8. HAB MITGEFÜHL UND LASS EMOTIONEN UND OFFENE FRAGEN ZU
Jeder hat das RECHT zu trauern. Gib der Person die Zeit und halte es einfach mit aus. Wenn es dich bewegt, dann weine mit. Starre die Wand an. Halte die Person einfach fest. Es ist nicht einfach, aber hilfreicher, als pausenlos zu versuchen, etwas dazu zu sagen. Halte es aus, wenn die Person Fragen stellt, die niemand beantworten kann oder wenn sie Gott anschreit, anklagt oder gar beschimpft. Gott hält das aus – du musst nicht für ihn einstehen. Wichtig ist nur: Stelle nicht DU die Fragen, sondern lass wirklich die Trauernde Person reden und die quälenden Fragen aussprechen. Sag dann lieber: „Ich weiß es auch nicht. Ich habe darauf auch keine Antwort…..“ oder „Auf diese Frage kann dir wohl nur Gott antworten. Vielleicht wird er es irgendwann tun….vielleicht auch nicht! Das ist schwer auszuhalten…aber ich will mit dir aushalten.“

Wichtig: Suche für dich selbst auch Wege, mit dieser Trauer und den Emotionen umzugehen. Schreibe einen Brief an Gott. Lasse einen Luftballon fliegen, weine…aber auch du musst das Mittrauern nicht runterschlucken.

9. BEI (EHE)-PARTNERN
Sei die bewusst, dass jeder anders trauert. Falls du z.B. den Mann nach zwei Tagen wieder bei der Arbeit siehst, heißt das nicht, dass die Frau nicht mehr trauert (und umgekehrt). Adressiere bei deinen Nachfragen und Angeboten ggf. auch den Partner.

10. NACH EINER FEHLGEBURT

  • Austausch
    Was mir extrem geholfen hat, waren Gespräche mit Frauen, die selbst eine Fehlgeburt erlitten haben.
  • Care-Paket
    Auch ein Care-Paket kann sehr hilfreich und fürsorglich sein: Eisentabletten, Säfte mit Eisen zur Blutbildung, Süßigkeiten, gesunde Snacks, Binden, und Tempos – die Tage, in denen der Körper sich erholen muss, waren dadurch leichter zu ertragen.
  • Links
    Mir halfen auch Links für Worshipsongs, die ich mir einfach anhören konnte, wenn ICH es wollte.

Dies sind Dinge, die mir (nicht) geholfen haben. Jeder Mensch tickt anders und jedem hilft was anderes. Manche möchten lieber die Einsamkeit und das ist OK. Ich denke aber, wenn jemand keinen Kontakt zur Außenwelt möchte, stellt er sein Handy aus und geht nicht an die Tür.  Du hast aber trotzdem die Möglichkeit, diese Dinge  anzubieten. Mein Herzensanliegen ist einfach: Lass Menschen, die dir eigentlich am Herzen liegen, nicht alleine wenn sie trauern! Sei ein Freund in Freud und Leid!

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