Monat: August 2025

Bücher: Hinterlassene Nachrichten

Bücher: Hinterlassene Nachrichten

Wien im Juli 2025. Es ist Sommer – aber es fühlt sich nicht so an. Der Himmel ist bedeckt, die Luft schwül, die Straßen nass vom Regen. Es ist kein perfekter Sommertag – aber ein perfekter Tag, sich die Nationalbibliothek – genauer gesagt den „Prunksaal“ anzuschauen. Leider dachten sich das auch viele andere Besucher – schnell wird mir klar: Dass ich in aller Seelenruhe in diesem ehrfurchterregenden Saal sitze und alles auf mich wirken lassen kann – das ist nur eine Illusion. Ich freue mich trotzdem.
Mein Mann hatte schon vorab Tickets besorgt, um mir eine Freude zu machen und wir stiefeln die alten Stiegen hinauf in den großen Saal.
Über 200 000 Bücher aus dem 15.-18. Jahrhundert befinden sich darin. Parallel gibt es eine Ausstellung über die politische Geschichte Österreichs. Sicher auch interessant, für mich heute aber nicht der Fokus. Ich möchte eintauchen in diese Atmosphäre und staune.

Umberto Eco – ich bezeichne ihn gerne als „Literarischen Wundermenschen“, hat zahlreiche Vorträge und Aufsätze geschrieben, in denen er sich über die Liebe zu Büchern, zu Worten, zur Schrift und zur Geschichte äußert. Vor allem aber macht er deutlich, wie wichtig Schriftwerke sind. Während ich in dieser Nationalbibliothek – zwischen all den vielen Büchern (und Influencern) stand, kamen mir direkt mehrere Sätze von ihm in den Sinn. Unter anderem auch dieser: „Jeder Autor, der nicht bloß des Geldes wegen schrieb, sondern aus Liebe zum eigenen Werk, wußte, daß er seinem Buch eine Nachricht anvertraute, die noch in Jahrhunderten lesbar sein würde.“ (U. Eco, 2011, dtv, Die Kunst des Bücherliebens., S.21)
Ich fragte mich, welche Nachrichten, welche Gedanken, welche Poesie, wissenschaftliche Erkenntnisse, Philosophien wohl in diesem Raum steckten. In all diesen Büchern. Die so nah und gleichzeitig so weit entfernt in diesen Regalen standen.
Und dann sah ich auf die vielen Menschen in diesem Raum und erkannte, dass die eine Hälfte mit der Ausstellung beschäftigt war, während die andere Hälfte nach dem perfekten Spot für ein tolles Foto suchte -nicht etwa von den Büchern oder der kunstvollen Stuckarbeit oder den Fresken – sondern vor allem von sich selbst. Im Mittelpunkt.

Ich setzte mich auf einen Stuhl und versuchte, meine Gedanken zu fassen.
Was bleibt?
Was bleibt, wenn wir einmal gehen? Wenn ich einmal gehe?
Welche Nachricht hinterlasse ich? Welche Nachricht möchte ich hinterlassen?
Was hinterlasse ich?
Fotos, auf denen ich lächle? Materielles?
Bleiben Worte, die ich sagte oder Gedanken, die ich aufschrieb?

Warum lese ich?
Um mich abzulenken? Um als intellektuell zu gelten? Um zu lernen?
Warum kaufe ich Bücher?
Um meine Regale präsentieren zu können? Um Schriftsteller zu unterstützen? Um mich zu bilden?
Oder, um Menschen kennen zu lernen? Die, die schrieben. Die, die ihre Nachrichten, ihre Gedanken, ihre Poesie, ihre Geschichten hinterließen, damit ihr Innerstes, ihre Fragen, ihre Erkenntnisse Ausdruck finden?
Sehe ich Bücher und Schriftwerke als Staubfänger oder als Schatz – als Teil eines Lebens eines Menschen?

Viele Fragen, die mich seit dem beschäftigen und ermutigen.
Sie ermutigen mich, einmal mehr zu schätzen, was in diesen Büchern steckt. Zu schätzen, dass ein Mensch sich Zeit nahm um etwas zu hinterlassen. Eine Nachricht.
Zu schätzen, dass ich dadurch nachdenken, reflektieren und lernen darf.
Und dass ich selbst schreiben darf – als Frau. Frei.
Ich darf etwas hinterlassen – ob Menschen eines Tages das, was ich schreibe, lesen und darüber nachdenken oder ob es ihnen egal ist – das kann ich nicht beeinflussen.
Aber ich kann für mich entscheiden, warum ich lese und warum ich schreibe: Weil ich lernen möchte.

Warum liest du?