„Wenn ich in den unterschiedlichsten Sprachen der Welt, ja, sogar in der Sprache der Engel reden kann, aber ich habe keine Liebe, so bin ich nur wie ein dröhnender Gong oder ein lärmendes Becken. Wenn ich in Gottes Auftrag prophetisch reden kann, alle Geheimnisse Gottes weiß, seine Gedanken erkennen kann und einen Glauben habe, der Berge versetzt, aber ich habe keine Liebe, so bin ich nichts. Selbst wenn ich all meinen Besitz an die Armen verschenke und für meinen Glauben das Leben opfere, aber ich habe keine Liebe, dann nützt es mir gar nichts.“ (Die Bibel, 1. Korinther 13,1-3)
Ich weiß nicht, wie oft ich diese Sätze schon gelesen oder gehört habe, in den letzten Tagen trafen sie mich wieder einmal tief.
Ich nehme viel wahr. Spüre, wenn die Atmosphäre angespannt ist, merke, wenn das Mindset einer Gemeinschaft immer mehr in eine andere Richtung geht oder jemand mit mir nicht im Klaren ist. Ich höre heraus, ob ein „HALLO!“ freundlich und offen ist, oder es gezwungen freundlich klingen soll, damit man höflich bleibt… An sich ist das kein großes Problem, aber es wird anstrengend, wenn ich mein Herz, meine Liebe, mein Handeln davon beeinflussen lasse. Vor allem, wenn ich dadurch verunsichert werde… Das passiert mir leider immer wieder. Gerade heute ist mir im privaten Rahmen zuhause deutlich geworden, dass meine Liebe beeinflusst wurde, durch Umstände, die mich seit einigen Tagen beschäftigen und die ich wahrnehme. Auch in der Kirche passiert es mir immer wieder, dass die Liebe für Menschen und für Gott beeinflusst wird durch das, was ich dort wahrnehme.
Wir, als Leiter einer Kirche, haben Visionen, Ideen und vor allem den Wunsch, Menschen mit Gott in Berührung zu bringen. Wir möchten unseren Auftrag, den Jesus seinen Jüngern gegeben hat, ausführen: Menschen zu Jüngern zu machen, sie zu lehren, was Jesus gelehrt hat, sie zu taufen…mit der Perspektive Ewigkeit. Mit der Perspektive, dass es einen Gott gibt, der sich um uns sorgt, der Anteil haben möchte an unserem Leben…und dafür gehen wir ALL-IN, wie man so schön sagt. Und dann…wenn ich den Eindruck habe, dass dieser Blick, diese Motivation, diese Sehnsucht nicht mehr bei den Menschen andockt, wenn ich das Gefühl habe, dass „Kirche“ lästig wird, zu „viel“, zu „was auch immer“, dann hat das Einfluss auf meine Motivation und blöderweise auch auf meine Liebe…“Du trägst keine Liebe in dir, nicht für mich und für irgendwen.“ – dieser Song aus meiner Teenagerzeit von „ECHT“ taucht dann immer wieder in meinen Gedanken auf. Trage ich noch Liebe in mir? Für wen?
Und ich stelle mir fragen und überlege, was andere Menschen so denken…
Warum tue ich das, was ich tue?
Weil mir langweilig ist?
Warum machen wir die Veranstaltungen in unserer Kirche?
Weil ich mich selbst-verwirklichen möchte?
Warum predige ich?
Weil ich mich selbst gerne reden höre?
Warum bieten wir Kaffee und eine willkommens-Atmosphäre in unserer Kirche?
Weil wir Geld einnehmen wollen?
Warum treffen wir Entscheidungen, die vielleicht nicht allen Mitarbeitern schmecken?
Weil wir sie ärgern wollen?
…
„KIRCHE“ kann für viele zum To-do werden. Und wenn es zum To-do wird, verlieren wir den Blick.
Irgendwann geht der Blick von Jesus weg, über das To-Do dann zu uns. Wo bleiben ICH? Warum hat DAS Team jetzt ein Budget freigegeben bekommen, was ICH aber für MEIN TEAM wollte?
Warum soll ICH jetzt wieder helfen? Soll der DER ANDERE mal was machen…Warum wurde MEINE IDEE nicht genommen?
Es geht irgendwann um das ICH und dann…geht das Vertrauen verloren. In die Leiterschaft, in die Begabungen…und in vieles mehr. Vor allem aber wird der Auftrag und das gemeinsame Ziel vergessen. Der Ton untereinander wird harsch, Erwartungen an den anderen größer, der Rückzug deutlicher…und bei mir als Pastorin der Druck, es allen recht machen zu wollen, stärker, der Schmerz im Mama-Herz heftiger („Du verstehst es vielleicht nicht, aber vertrau mir!“), die Angst, etwas falsch zu machen größer und die Liebe – weniger. Dabei beginnt und endet es bei mir! Es sollte mich nicht negativ beeinflussen, wenn ANDERE die Liebe vielleicht nicht mehr im Blick haben und alles nur noch aus To-do-gefühl machen. Ich möchte nicht, dass es MEIN Ziel beeinflusst.
Die Verse vom Apostel Paulus könnten für mich heute so klingen:
„Wenn ich mit einem Doktor-Titel der Theologie Predigten Wissenschaftlich und fundiert vorbereiten würde und ich hätte keine Liebe, würden die Worte nicht im Herz ankommen. Wenn ich für Menschen in der Gemeinde faste und bete und ich hätte keine Liebe, hätte das Gebet weniger Kraft. Wenn ich morgens früh aufstünde um den Aufbau für den Gottesdienst zu unterstützen und ich hätte keine Liebe – würde es mich ermüden. Wenn ich Entscheidungen in Budget- und Terminfragen treffen müsste und ich hätte keine Liebe, wäre Kirche reines Management. Würde ich Entscheidungen meiner Leiter zwar hinnehmen aber ich hätte keine Liebe und kein Vertrauen, würde ich Neid und Eifersucht herrschen lassen.“ Und so weiter.
Warum tue ich das, was ich tue?
Warum habe ich damals damit angefangen?
Und wie sieht es jetzt gerade mit meiner Liebe aus?
Ist meine Liebe BEDINGUNGSLOS und UNBEEINFLUSSBAR oder ist sie abhängig von dem Maß der Liebe anderer?
Diese Frage stelle ich mir ganz persönlich heute.
Und diese Frage, darfst du dir auch gerne stellen.
Ich möchte, dass sich etwas ändert und ich wieder mit voller Hingabe und Liebe das tue, was ich tue.
Darum entscheide ich mich heute, mich unter dem Baum des Lebens nieder zu lassen und Liebe, Geduld, Freundlichkeit, Freude, Sanftmut, Mitgefühl und Vision zu empfangen – denn nur so möchte ich durchhalten!