„Ziel eines Konfliktes oder einer Auseinandersetzung soll nicht der Sieg, sondern der Fortschritt sein.“
Joseph Joubert (1754 – 1824)
Dieses Zitat stach vor Kurzem zu Beginn eines Films in meine Augen. Und es blieb hängen! Was für ein Satz. Was für eine „Erleuchtung“ und was für eine Sekunde, die mich für die nächsten Tage wieder einmal nachdenklich machte.
Wie oft geraten wir in einen Konflikt, um daraus einen Streit entstehen zu lassen?
Wie oft wird eine Meinungsäußerung oder ein Gedanke zu einem Austausch, der dann zu einer Diskussion und dann zu einem Streit führt?
Mal ehrlich: Wie oft geht es uns wirklich darum, den anderen zu hören, die andere Meinung einfach erstmal stehen zu lassen, darüber nachzudenken und vielleicht sogar eine neue Sichtweise, einen neuen Lösungsansatz oder sogar ein neues Weltbild zu gewinnen?
Ist es nicht meist so, dass es darum geht, die eigene Meinung vehement zu verteidigen? Dem anderen aufzudrängen? Den anderen zu überzeugen? Und als Sieger aus dem Gespräch zu gehen?
Warum ist das so?
Haben wir Angst uns selbst zu reflektieren? Zu erkennen, dass wir vielleicht falsch liegen? Dass unsere Wahrheit vielleicht nur ein Teil einer anderen Wahrheit ist?
Haben wir Angst, vielleicht sogar zu erfahren, dass wir verletzende Dinge ausgesprochen haben oder nicht gut kommuniziert haben? Dass wir nicht richtig zugehört haben, Dinge falsch verstanden haben und letztendlich WIR etwas ändern müssten, damit der Konflikt einen Fortschritt statt einen Sieg bringt?
Ich bin lange Menschen, mit denen ich einen Konflikt hatte, aus dem Weg gegangen. Wenn ein Gespräch nicht mehr möglich war oder von der anderen Person nicht gewünscht war (meist hatte SIE kein Problem, während ich tagelang im Gedankenkarussel saß und es dringend gebraucht hätte, bestimmte Worte, die gesagt worden waren, noch einmal genau anzuschauen und zu hinterfragen, zu verstehen, was der oder die andere wirklich gemeint hatte oder auch um gerade zu rücken, was ICH wie gemeint hatte und offensichtlich falsch angekommen war.) Ich habe mich dann hinter die innere Mauer verschanzt, die durch den Konflikt mitten im Raum stand und die manchmal nur von mir wahrgenommen wurde. Hab mich abgegrenzt und abgeschottet. „Ich armes Opfer. Hab da mal wieder Dinge vor den Latz geknallt bekommen und muss jetzt alleine schauen, wie ich das sortiert bekomme und nicht zu nah an mich heranlasse…“
Manchmal ist das heute auch noch so – heute aber nicht mehr aus Trotz sondern um mir Zeit zu nehmen, um zu reflektieren und zu beten. „Hätte ich etwas anders sagen können? Hat die Person das WIRKLICH so gemeint, wie sie es gesagt hat?…“
Und dann merke ich: Es gibt einen Fortschritt. Wenn nicht WIR daraus lernen, dann ICH. Ich schotte mich nicht mehr ab, aber ich lerne daraus. Ich lasse bestimmte Themen vielleicht nicht mehr zu. Ich gehe einen Schritt zurück, schaffe eine gesunde Distanz, formuliere Dinge anders oder gar nicht mehr und überlege mir gut, ob das Thema angesprochen werden muss oder nicht.
Ich habe mir vorgenommen zu prüfen, bei wem ich das Konfliktgespräch weiterführe, damit es einen Fortschritt bringt und bei wem ich akzeptieren muss, dass die Person weiter macht, wo sie steht und ich meinen eigenen Weg weiter gehen muss – und das bedeutet dann manchmal, dass eine neue aber auch gesunde Distanz entsteht. Und ich habe mir vorgenommen, das Zitat zu beherzigen aber umzuformulieren, damit es für mich wirklich passt:
Für mich soll ein Konflikt in Zukunft GEWINN bringen. Das ist so ähnlich wie „Fortschritt“ klingt aber für mich besser – vor allem im Gegensatz zu SIEG. Denn GEWINNEN können alle Parteien. SIEGEN kann nur eine.
Ich überlege mir also, ob es ein Gewinn-bringender-Konflikt wird oder ob es ein Distanz-Bringender Konflikt wird. Dazu gehört es zu schauen und zu spüren, ob die andere Partei oder Person an GEWINN oder SIEG interessiert ist. Das kann mir helfen zu entscheiden, welche Art von Konflikt es wird und ob ich ihn möchte oder nicht!
Vor zwei Tagen hatte ich die tiefsten Gespräche mit zwei Freundinnen. Diese Gespräche kann ich tatsächlich nur mit diesen beiden Frauen führen. Wir schauen uns jedes Wort genau an – „meinst du damit das, was ich meinen würde oder was genau ist für dich dieses Wort?“. Wir spüren in uns hinein und sagen offen: „Das macht gerade was mit mir. Ich muss kurz mal nachdenken, wo das her kommt!“ und dann gehen wir gemeinsam auf die Suche. Dabei geht es dieses Mal um Fragen wie „Was ist für mich ein Konflikt“, „Was ist eine friedliche Religion?“, „Was ist überhaupt Religion?“ oder auch der Austausch über die verschiedenen Rituale und Handlungen in der katholischen Kirche vs. der Freikirche. Das Schöne ist: Dabei geht es NIE um „WIR haben Recht!“ sondern „Hilf mir zu verstehen, warum ihr das glaubt! Wo liegt der Ursprung dessen?“ und dann kann es sein, dass wir nach dem Gespräch nicht einer Meinung sind. Aber wir alle gingen als Gewinner hervor. Wir haben verstanden, warum der andere es so glaubt. Ich habe meine Sichtweise erweitern können. Ich habe vor allem Anteil an den Gedanken einer anderen Person gewonnen. Ich habe neue Verständnisweisen gewonnen, neue Einsichten in das Herz einer Freundin und ich habe dadurch gelernt, wie wertvoll es ist, sich die Zeit zu nehmen und zuzuhören. DAS ist der Gewinn eines Konflikts.
Aber um diesen Gewinn zu bekommen, muss ich erstmal investieren und trainieren:
– Zeit nehmen
– Zuhören
– Den Mund halten
– Ehrlich sein
– Gut überlegen, welche Worte ich verwende und was sie beim anderen auslösen könnten
– Andere Meinungen respektieren
– Offen dafür sein, am Ende des Tages niemand überzeugt zu haben aber dafür etwas gewonnen zu haben.
DANN gehe ich als Gewinner aus dem Konflikt – und nicht als Opfer oder Sieger!
Das ist mein neuer Weg – ich gehe ihn Schritt für Schritt. Werde sicher fallen, stolpern oder auch mal einen Rückschritt machen und in meine alten Verhaltensweisen fallen. Aber: Ich entscheide mich in erster Linie einmal: „Ich will gewinnen. Nicht siegen!“